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Dieser Artikel beschreibt den Philosophen Aristoteles; zu weiteren Bedeutungen siehe Aristoteles (BegriffsklÀrung).
Aristoteles-BĂŒste

Aristoteles (griechisch ገρÎčστoτέλης, * 384 v. Chr. in Stageira (Stagira) auf der Halbinsel Chalkidike; † 322 v. Chr. in Chalkis auf der Insel Euboia) gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Philosophen der Geschichte. Er hat zahlreiche Disziplinen entweder selbst begrĂŒndet oder maßgeblich beeinflusst, darunter Wissenschaftstheorie, Logik, Biologie, Physik, Ethik, Dichtungstheorie und Staatslehre. Aus seinem Gedankengut entwickelte sich der Aristotelismus.

Inhaltsverzeichnis

Bearbeiten Überblick

Leben

Mit 17 Jahren trat Aristoteles 367 in Platons Akademie in Athen ein. Dort beteiligte er sich an Forschung und Lehre. In Platons Todesjahr 347 verließ er Athen. 343/342 wurde er Lehrer des makedonischen Thronfolgers Alexanders des Großen. 335/334 kehrte er nach Athen zurĂŒck. Er gehörte nun nicht mehr der Akademie an, sondern lehrte und forschte selbststĂ€ndig mit seinen SchĂŒlern im Lykeion. 323/322 musste er wegen politischer Spannungen Athen erneut verlassen und begab sich nach Chalkis, wo er bald darauf starb.

Werk

Die an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Schriften des Aristoteles in Dialogform sind verloren. Die erhalten gebliebenen Lehrschriften waren grĂ¶ĂŸtenteils nur fĂŒr den internen Gebrauch im Unterricht bestimmt und wurden fortlaufend redigiert. Themenbereiche sind:

  • Logik, Wissenschaftstheorie, Rhetorik
In den logischen Schriften arbeitet Aristoteles auf der Grundlage von Diskussionspraktiken in der Akademie eine Argumentationstheorie (Dialektik) aus und begrĂŒndet mit der Syllogistik die formale Logik. Auf der Basis seiner Syllogistik erarbeitet er eine Wissenschaftstheorie und liefert unter anderem bedeutende BeitrĂ€ge zur Definitionstheorie und Bedeutungstheorie. Die Rhetorik beschreibt er als die Kunst, Aussagen als plausibel zu erweisen, und rĂŒckt sie damit in die NĂ€he der Logik.
  • Naturlehre
Aristoteles’ Naturphilosophie thematisiert die Grundlagen jeder Naturbetrachtung: die Arten und Prinzipien der VerĂ€nderung. Der damals aktuellen Frage, wie Entstehen und Vergehen möglich ist, begegnet er mit Hilfe seiner bekannten Unterscheidung von Form und Materie: dieselbe Materie kann unterschiedliche Formen annehmen. In seinen naturwissenschaftlichen Werken untersucht er auch die Teile und die Verhaltensweisen der Tiere (einschließlich des Menschen) und ihre Funktionen. In seiner Seelenlehre – in der „beseelt sein“ „lebendig sein“ bedeutet – argumentiert er, dass die Seele, die die verschiedenen vitalen Funktionen von Lebewesen ausmache, dem Körper als seine Form zukomme. Damit vertritt er in der Philosophie des Geistes eine Position jenseits von Dualismus und Materialismus.
  • Metaphysik
Zentrales Thema seiner Metaphysik ist seine Auffassung von der Substanz. In der frĂŒhen Lehre argumentiert er gegen Platon dafĂŒr, dass die grundlegenden EntitĂ€ten der Wirklichkeit − das heißt die Substanzen − konkrete Einzeldinge (wie das Individuum Sokrates) sind. Dies ergĂ€nzt er um seine spĂ€tere Lehre, wonach die Substanz konkreter Einzeldinge ihre Form ist.
  • Ethik und Staatslehre
Das Ziel des menschlichen Lebens, so Aristoteles in seiner Ethik, ist das gute Leben, das GlĂŒck. Um es zu erreichen, muss man Verstandestugenden und (durch Erziehung und Gewöhnung) Charaktertugenden ausbilden, wozu ein entsprechender Umgang mit Begierden und Emotionen gehört. Seine politische Philosophie schließt an die Ethik an. Demnach ist der Staat als Gemeinschaftsform eine Voraussetzung fĂŒr das menschliche GlĂŒck. Aristoteles fragt nach den Bedingungen des GlĂŒcks und vergleicht zu diesem Zweck unterschiedliche Verfassungen.
  • Dichtung
In seiner Theorie der Dichtung behandelt Aristoteles insbesondere die Tragödie, deren Funktion aus seiner Sicht darin besteht, Emotionen zu erregen, um sie schließlich zu reinigen (katharsis).
Nachwirkung

Das naturwissenschaftliche Forschungsprogramm des Aristoteles wurde nach seinem Tod von seinem Mitarbeiter Theophrastos fortgesetzt, der auch die aristotelische Schule, den Peripatos, im juristischen Sinne grĂŒndete. Die Aristoteles-Kommentierung setzte erst im 1. Jahrhundert v. Chr. ein und wurde insbesondere von Platonikern betrieben. Durch die Vermittlung von Porphyrios und Boethius wurde die aristotelische Logik fĂŒr das lateinischsprachige Mittelalter wegweisend. Seit dem 12./13. Jahrhundert lagen alle grundlegenden Werke des Aristoteles in lateinischer Übersetzung vor. Sie waren fĂŒr den Wissenschaftsbetrieb der Scholastik bis in die FrĂŒhe Neuzeit maßgeblich. Die Auseinandersetzung mit der aristotelischen Naturlehre prĂ€gte die Naturwissenschaft des SpĂ€tmittelalters und der Renaissance. Im arabischsprachigen Raum war Aristoteles im Mittelalter der am intensivsten rezipierte antike Autor. Sein Werk hat auf vielfĂ€ltige Weise die Geistesgeschichte geprĂ€gt; wichtige Unterscheidungen und Begriffe wie „Substanz“, „Akzidenz“, „Materie“, „Form“, „Energie“, „Potenz“, „Kategorie“, „Theorie“ und „Praxis“ gehen auf Aristoteles zurĂŒck.

Bearbeiten Leben

Aristoteles wurde 384 v. Chr. in Stageira, einer damals selbstĂ€ndigen ionischen Kleinstadt an der OstkĂŒste der Chalkidike geboren. Daher wird er mitunter „der Stagirit“ genannt. Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des Königs Amyntas III. von Makedonien, seine Mutter Phaestis stammte aus einer Arztfamilie von Chalkis auf Euboia. Nikomachos starb, bevor Aristoteles volljĂ€hrig wurde. Proxenos aus Atarneus wurde zum Vormund bestimmt.

Erster Athenaufenthalt

367 v. Chr. kam Aristoteles als SiebzehnjĂ€hriger nach Athen und trat in Platons Akademie ein. Dort beschĂ€ftigte er sich zunĂ€chst mit den mathematischen und dialektischen Themen, die den Anfang der Studien in der Akademie bildeten. Schon frĂŒh begann er Werke zu verfassen, darunter Dialoge nach dem Vorbild derjenigen Platons. Er setzte sich auch mit der zeitgenössischen Rhetorik auseinander, insbesondere mit dem Unterricht des Redners Isokrates. Gegen das auf unmittelbaren Nutzen abzielende pĂ€dagogische Konzept des Isokrates verteidigte er das platonische Erziehungsideal der philosophischen Schulung des Denkens. Er nahm eine LehrtĂ€tigkeit an der Akademie auf. In diesem Zusammenhang entstanden als Vorlesungsmanuskripte die Ă€ltesten seiner ĂŒberlieferten Lehrschriften, darunter die logischen Schriften, die spĂ€ter unter der Bezeichnung Organon („Werkzeug“) zusammengefasst wurden. Einige Textstellen lassen erkennen, dass der Hörsaal mit GemĂ€lden geschmĂŒckt war, die Szenen aus dem Leben von Platons Lehrer Sokrates zeigten.[1]

Reisejahre

In Platons Todesjahr verließ Aristoteles Athen. Möglicherweise war er nicht damit einverstanden, dass Platons Neffe Speusippos die Leitung der Akademie ĂŒbernahm; außerdem war er in politische Schwierigkeiten geraten. Im Jahr 348 hatte König Philipp II. von Makedonien die Chalkidike erobert, Olynthos zerstört und auch Aristoteles’ Heimatstadt Stageira eingenommen. Dieser Feldzug wurde von der antimakedonischen Partei in Athen als schwere Bedrohung der UnabhĂ€ngigkeit Athens erkannt. Wegen der traditionellen Verbundenheit der Familie des Aristoteles mit dem makedonischen Hof richtete sich die antimakedonische Stimmung auch gegen ihn. Da er kein Athener BĂŒrger, sondern nur ein Metöke von zweifelhafter LoyalitĂ€t war, war seine Stellung in der Stadt relativ schwach.

Er folgte einer Einladung des Hermias, der die StĂ€dte Assos und Atarneus an der kleinasiatischen KĂŒste gegenĂŒber der Insel Lesbos beherrschte. Zur Sicherung seines Machtbereichs gegen die Perser war Hermias mit Makedonien verbĂŒndet. In Assos fanden auch andere Philosophen Zuflucht. Der sehr umstrittene Hermias wird von der ihm freundlichen Überlieferung als weiser und heldenhafter Philosoph, von der gegnerischen als Tyrann beschrieben.[2] Aristoteles, der mit Hermias befreundet war, blieb zunĂ€chst in Assos, aber 345/344 ĂŒbersiedelte er nach Mytilene auf Lesbos. Dort arbeitete er mit seinem aus Lesbos stammenden SchĂŒler Theophrastos zusammen, der sein Interesse fĂŒr Biologie teilte. SpĂ€ter begaben sich die beiden nach Stageira.

343/342 ging Aristoteles auf Einladung von Philipp II. nach Mieza, um dessen damals dreizehnjĂ€hrigen Sohn Alexander (spĂ€ter „der Große“ genannt) zu unterrichten. Der Unterricht endete spĂ€testens 340/339, als Alexander fĂŒr seinen abwesenden Vater die Regentschaft ĂŒbernahm. Aristoteles ließ fĂŒr Alexander eine Abschrift der Ilias anfertigen, die der König als Verehrer des Achilleus spĂ€ter auf seinen EroberungszĂŒgen mit sich fĂŒhrte. Das VerhĂ€ltnis zwischen Lehrer und SchĂŒler ist nicht nĂ€her bekannt; es hat zu Legendenbildung und vielen Spekulationen Anlass gegeben. Sicher ist, dass ihre politischen Überzeugungen grundverschieden waren; ein Einfluss des Aristoteles auf Alexander ist nicht erkennbar.[3] Aristoteles soll am makedonischen Hof den Wiederaufbau seiner zerstörten Heimatstadt Stageira erreicht haben; die GlaubwĂŒrdigkeit dieser Nachricht ist aber zweifelhaft.[4]

Die Hinrichtung des Hermias durch die Perser 341/340 berĂŒhrte Aristoteles tief, wie ein dem Andenken des Freundes gewidmetes Gedicht zeigt. SpĂ€ter heiratete Aristoteles Pythias, eine Nichte des Hermias.

Als nach dem Tode des Speusippos 339/338 in der Akademie das Amt des Scholarchen (Schulleiters) frei wurde, konnte Aristoteles nur wegen seiner Abwesenheit an der Wahl des Nachfolgers nicht teilnehmen; er galt somit weiterhin als Akademiemitglied. SpĂ€ter ging er mit seinem Großneffen, dem Geschichtsschreiber Kallisthenes, nach Delphi, um im Auftrag der dortigen Amphiktyonen eine Siegerliste der Pythischen Spiele anzufertigen.

Zweiter Athenaufenthalt

Mit der Zerstörung der rebellischen Stadt Theben 335 brach der offene Widerstand gegen die Makedonen in Griechenland zusammen, und auch in Athen arrangierte man sich mit den MachtverhĂ€ltnissen. Daher konnte Aristoteles 335/334 nach Athen zurĂŒckkehren. Er begann dort wieder zu forschen und zu lehren, war aber nun nicht mehr an der Akademie tĂ€tig, sondern in einem öffentlichen Gymnasium, dem Lykeion. Dort schuf er eine eigene Schule, deren Leitung nach seinem Tod Theophrastos ĂŒbernahm. Neue Grabungen haben die Identifizierung des GebĂ€udekomplexes ermöglicht.[5] Im juristischen Sinne hat aber erst Theophrastos die Schule gegrĂŒndet und das GrundstĂŒck erworben, und die spĂ€ter ĂŒblichen Bezeichnungen Peripatos und Peripatetiker speziell fĂŒr diese Schule sind fĂŒr die Zeit des Theophrastos noch nicht bezeugt. Die FĂŒlle des Materials, das Aristoteles sammelte (etwa zu den 158 Verfassungen der griechischen Stadtstaaten), lĂ€sst darauf schließen, dass er ĂŒber zahlreiche Mitarbeiter verfĂŒgte, die auch außerhalb von Athen recherchierten. Er war wohlhabend und besaß eine große Bibliothek. Sein VerhĂ€ltnis zu dem makedonischen Statthalter Antipatros war freundschaftlich.

Tod

Nach dem Tod Alexanders des Großen 323 setzten sich in Athen und anderen griechischen StĂ€dten zunĂ€chst antimakedonische KrĂ€fte durch. Delphi widerrief ein Aristoteles verliehenes Ehrendekret. In Athen kam es zu Anfeindungen, die ihm ein ruhiges Weiterarbeiten unmöglich machten. Daher verließ er 323/322 Athen. Angeblich Ă€ußerte er bei diesem Anlass, dass er nicht wollte, dass die Athener sich ein zweites Mal gegen die Philosophie vergingen (nachdem sie bereits Sokrates zum Tode verurteilt hatten).[6] Er zog sich nach Chalkis auf Euboia in das Haus seiner Mutter zurĂŒck. Dort starb er im Oktober 322. Er hinterließ eine Tochter namens Pythias und einen Sohn namens Nikomachos. In seinem Testament, dessen Vollstreckung er Antipatros anvertraute, regelte er unter anderem die kĂŒnftige Verheiratung seiner noch minderjĂ€hrigen Tochter.[7]

Bearbeiten Werk

Aufgrund von BrĂŒchen und Inkonsequenzen im Werk des Aristoteles ist die Forschung von der frĂŒher verbreiteten Vorstellung abgekommen, das ĂŒberlieferte Werk bilde ein abgeschlossenes, durchkomponiertes System. Diese BrĂŒche gehen vermutlich auf Entwicklungen, Perspektivwechsel und unterschiedliche Akzentuierungen in verschiedenen Kontexten zurĂŒck. Da eine sichere chronologische Reihenfolge seiner Schriften nicht bestimmt werden kann, bleiben Aussagen ĂŒber Aristoteles’ tatsĂ€chliche Entwicklung Vermutungen. Zwar bildet sein Werk de facto kein fertiges System, doch besitzt seine Philosophie Eigenschaften eines potentiellen Systems.

Bearbeiten Überlieferung und Charakter der Schriften

Verschiedene antike Verzeichnisse schreiben Aristoteles fast 200 Titel zu. Sofern die Angabe des Diogenes Laertios stimmt, hat Aristoteles ein Lebenswerk von ĂŒber 445.270 Zeilen hinterlassen (wobei in dieser Zahl zwei der umfangreichsten Schriften – die Metaphysik und die Nikomachische Ethik – vermutlich noch nicht berĂŒcksichtigt sind). Nur etwa ein Viertel davon ist ĂŒberliefert.

In der Forschung werden zwei Gruppen unterschieden: exoterische Schriften (die fĂŒr ein breiteres Publikum veröffentlicht worden sind) und esoterische (die zum internen Gebrauch der Schule dienten). Alle exoterischen Schriften sind nicht oder nur in Fragmenten vorhanden, die meisten esoterischen ĂŒberliefert. Die Schrift Die Verfassung der Athener galt als verloren und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts in Papyrusform gefunden.

Exoterische und esoterische Schriften

Die exoterischen Schriften bestanden vor allem aus Dialogen in der Tradition Platons, z. B. der Protreptikos – eine Werbeschrift fĂŒr die Philosophie –, Untersuchungen wie Über die Ideen, aber auch propĂ€deutische Sammlungen. Cicero lobt ihren „goldenen Fluss der Rede“.[8] Die auch Pragmatien genannten esoterischen Schriften sind vielfach als Vorlesungsmanuskripte bezeichnet worden; gesichert ist dies nicht und fĂŒr einige Schriften oder Abschnitte auch unwahrscheinlich. Weitgehend herrscht die Auffassung, dass sie aus der LehrtĂ€tigkeit erwachsen sind. Weite Teile der Pragmatien weisen einen eigentĂŒmlichen Stil voller Auslassungen, Andeutungen, GedankensprĂŒnge und Dubletten auf. Daneben finden sich jedoch auch stilistisch ausgefeilte Passagen, die (neben den Dubletten) deutlich machen, dass Aristoteles wiederholt an seinen Texten gearbeitet hat, und die Möglichkeit nahelegen, dass er an die Veröffentlichung mindestens einiger der Pragmatien gedacht hat. Aristoteles setzt bei seinen Adressaten große Vorkenntnisse fremder Texte und Theorien voraus. Verweise auf die exoterischen Schriften zeigen, dass deren Kenntnis ebenfalls vorausgesetzt wird.

Die Manuskripte des Aristoteles

Nach dem Tod des Aristoteles blieben seine Manuskripte zunĂ€chst im Besitz seiner SchĂŒler. Als sein SchĂŒler und Nachfolger Theophrast starb, soll dessen SchĂŒler Neleus die Bibliothek des Aristoteles erhalten und mit dieser – aus Ärger darĂŒber, nicht zum Nachfolger gewĂ€hlt worden zu sein – mit einigen AnhĂ€ngern Athen Richtung Skepsis in der NĂ€he Trojas in Kleinasien verlassen haben. Die antiken Berichte erwĂ€hnen eine abenteuerliche und zweifelhafte Geschichte, nach der die Erben des Neleus die Manuskripte zur Sicherung vor fremdem Zugriff im Keller vergruben, wo sie dann aber verschollen blieben. Weitgehend gesichert ist, dass im ersten Jahrhundert v. Chr. Apellikon von Teos die beschĂ€digten Manuskripte erworben und nach Athen gebracht hat und dass sie nach der Eroberung von Athen durch Sulla im Jahr 86 v. Chr. nach Rom gelangt sind. Dessen Sohn beauftragte Mitte des Jahrhunderts Tyrannion, die Manuskripte zu sichten und durch weiteres Material zu ergĂ€nzen.

Weitere Überlieferungswege

Auch wenn mit der Bibliothek des Aristoteles seine Manuskripte jahrhundertelang verschollen waren, ist es unbestritten, dass seine Lehre im Hellenismus mindestens teilweise bekannt war, vor allem durch die exoterischen Schriften und indirekt wohl auch durch Theophrasts Wirken. Daneben mĂŒssen einige Pragmatien bekannt gewesen sein, von denen es möglicherweise Abschriften in der Bibliothek des Peripatos gab.

Andronikos von Rhodos. Die erste Ausgabe

Auf der Grundlage der Arbeit Tyrannions besorgte dessen SchĂŒler Andronikos von Rhodos in der zweiten HĂ€lfte des ersten Jahrhunderts v. Chr. die erste Ausgabe der aristotelischen Pragmatien, die wohl nur zum Teil auf den Manuskripten des Aristoteles beruhte. Die Schriften dieser Edition bilden das Corpus Aristotelicum. Vermutlich gehen einige Zusammenstellungen von zuvor ungeordneten BĂŒchern sowie einige Titel auf diese Ausgabe zurĂŒck. Möglicherweise hat Andronikos auch darĂŒber hinaus Eingriffe in den Text – wie etwa Querverweise – vorgenommen. Im Fall der zahlreichen Dubletten hat er möglicherweise verschiedene Texte zum selben Thema hintereinander angeordnet. Die heutige Anordnung der Schriften entspricht weitgehend dieser Ausgabe. Die zu seiner Zeit noch vorliegenden exoterischen Schriften berĂŒcksichtigte Andronikos nicht. Sie gingen in der Folgezeit verloren.

Handschriften und Druckausgaben

Heutige Ausgaben beruhen auf Abschriften, die auf die Andronikos-Ausgabe zurĂŒckgehen. Mit ĂŒber 1000 Handschriften ist Aristoteles unter den nichtchristlichen griechischsprachigen Autoren derjenige mit der weitesten Verbreitung. Die Ă€ltesten Handschriften stammen aus dem 9. Jahrhundert. Das Corpus Aristotelicum ist wegen seines Umfangs nie vollstĂ€ndig in einem einzigen Codex enthalten. Nach der Erfindung des Buchdrucks erschien 1495–1498 die erste Druckausgabe von Aldus Manutius. Die von Immanuel Bekker 1831 besorgte Gesamtausgabe der Berliner Akademie ist die Grundlage der modernen Aristotelesforschung. Sie beruht auf Kollationen der besten damals zugĂ€nglichen Handschriften. Nach ihrer Seiten-, Spalten- und ZeilenzĂ€hlung (Bekker-ZĂ€hlung) wird Aristoteles heute noch ĂŒberall zitiert. FĂŒr einige wenige Werke bietet sie noch immer den maßgeblichen Text; die meisten liegen jedoch heute in neuen Einzelausgaben vor.

Bearbeiten Einteilung der Wissenschaften und Grundlegendes

Aristoteles’ Werk deckt weite Teile des zu seiner Zeit vorhandenen Wissens ab. Er teilt es in drei Bereiche:

  • theoretische Wissenschaft
  • praktische Wissenschaft
  • poietische Wissenschaft

Das theoretische Wissen wird um seiner selbst willen gesucht. Praktisches und poietisches Wissen hat einen weiteren Zweck, die (gute) Handlung oder ein (schönes oder nĂŒtzliches) Werk. Nach der Art der GegenstĂ€nde untergliedert er das theoretische Wissen weiter: (i) Die Erste Philosophie („Metaphysik“) behandelt (mit der Substanztheorie, der Prinzipientheorie und der Theologie) SelbststĂ€ndiges und UnverĂ€nderliches, (ii) die Naturwissenschaft SelbststĂ€ndiges und VerĂ€nderliches und (iii) die Mathematik behandelt UnselbstĂ€ndiges und UnverĂ€nderliches (Met. VI 1). Eine Sonderstellung scheinen die in dieser Einteilung nicht vorkommenden Schriften zu haben, die erst nach dem Tod des Aristoteles im sogenannten Organon zusammengestellt worden sind.

Die wichtigsten Schriften lassen sich grob folgendermaßen gliedern:

‚Organon‘ Theoretische Wissenschaft Praktische Wissenschaft Poietische Wissenschaft
Kategorien (Cat.) Metaphysik (Met.) Nikomachische Ethik (EN) Rhetorik (Rhet.)[9]
De interpretatione (Int.) Physik (Phys.) Eudemische Ethik (EE) Poetik (Poet.)
Analytica priora (An. pr.) De anima (An.) Politik (Pol.)
Analytica posteriora (An. post.) Historia animalium (HA)
Topik (Top.) De generatione et corruptione (Gen. corr.)
Sophistische Widerlegungen (Soph. el.) De generatione animalium (GA)
De partibus animalium (PA)
VollstĂ€ndige Übersicht → Corpus Aristotelicum

Mit dieser Einteilung der Wissenschaften geht fĂŒr Aristoteles die Einsicht einher, dass jede Wissenschaft aufgrund ihrer eigentĂŒmlichen Objekte auch eigene Prinzipien besitzt. So kann es in der praktischen Wissenschaft – dem Bereich der Handlungen – nicht dieselbe Genauigkeit geben wie im Bereich der theoretischen Wissenschaften. Es ist zwar eine Wissenschaft der Ethik möglich, aber ihre SĂ€tze gelten nur in der Regel. Auch kann diese Wissenschaft nicht fĂŒr alle möglichen Situationen die richtige Handlungsweise vorgeben. Vielmehr vermag die Ethik nur ein nicht-exaktes Wissen im Grundriss zu liefern, das zudem allein noch nicht zu einer erfolgreichen LebensfĂŒhrung befĂ€higt, sondern hierfĂŒr an Erfahrungen und bestehende Haltungen anschließen muss. (EN I 1 1094b12-23)

Aristoteles war davon ĂŒberzeugt, dass die „Menschen fĂŒr das Wahre von Natur aus hinlĂ€nglich begabt sind“ (Rhet. I 1, 1355a15-17). Daher geht er typischerweise zunĂ€chst (allgemein oder bei VorgĂ€ngern) anerkannte Meinungen (endoxa) durch und diskutiert deren wichtigsten Probleme (aporiai), um einen möglichen wahren Kern dieser Meinungen zu analysieren (EN VII 2). AuffĂ€llig ist seine Vorliebe, in einer Allaussage zu Beginn einer Schrift die Grundlage fĂŒr die Argumentation zu legen und den spezifischen Gegenstand abzustecken.[10]

Bearbeiten Sprache, Logik und Wissen

Das Organon

Der Themenbereich Sprache, Logik und Wissen ist vor allem in den Schriften behandelt, die traditionell unter dem Titel Organon (griech. Werkzeug, Methode) zusammengestellt sind. Diese Zusammenstellung und ihr Titel stammt nicht von Aristoteles, und die Reihenfolge ist nicht chronologisch. Die Schrift Rhetorik gehört dem Organon nicht an, steht ihm aber inhaltlich wegen ihrer Art der Behandlung des Gegenstands sehr nahe. Eine Berechtigung fĂŒr die Zusammenstellung besteht in dem gemeinsamen methodologisch-propĂ€deutischen Charakter.

Bearbeiten Bedeutungstheorie

In folgendem Abschnitt – der als der einflussreichste Text in der Geschichte der Semantik gilt[11] – unterscheidet Aristoteles vier Elemente, die in zwei verschiedenen Beziehungen zueinander stehen, einer Abbildungsbeziehung und einer Symbolbeziehung:

„Nun sind [i] die (sprachlichen) Äußerungen unserer Stimme Symbole fĂŒr [ii] das, was (beim Sprechen) unserer Seele widerfĂ€hrt, und [iii] unsere schriftlichen Äußerungen sind wiederum Symbole fĂŒr die (sprachlichen) Äußerungen unserer Stimme. Und wie nicht alle Menschen mit denselben Buchstaben schreiben, so sprechen sie auch nicht dieselbe Sprache. Die seelischen Widerfahrnisse aber, fĂŒr welche dieses (Gesprochene und Geschriebene) an erster Stelle ein Zeichen ist, sind bei allen Menschen dieselben; und ĂŒberdies sind auch schon [iv] die Dinge, von denen diese (seelischen Widerfahrnisse) Abbildungen sind, fĂŒr alle dieselben.“

– Int. 1, 16a3-8

Gesprochene und geschriebene Worte sind demnach bei den Menschen verschieden; geschriebene Worte symbolisieren gesprochene Worte. Seelische Widerfahrnisse und die Dinge sind bei allen Menschen gleich; seelische Widerfahrnisse bilden die Dinge ab. Demnach ist die Beziehung von Rede und Schrift zu den Dingen durch Übereinkunft festgelegt, die Beziehung der mentalen EindrĂŒcke zu den Dingen hingegen naturgegeben.

Wahrheit und Falschheit kommt erst der Verbindung und Trennung von mehreren Vorstellungen zu. Auch die einzelnen Wörter stellen noch keine Verbindung her und können daher je allein nicht wahr oder falsch sein. Wahr oder falsch kann somit erst der ganze Aussagesatz (logos apophantikos) sein.

Bearbeiten PrÀdikate und Eigenschaften

Einige sprachlich-logische Feststellungen sind fĂŒr Aristoteles’ Philosophie fundamental und spielen auch außerhalb der (im weiteren Sinne) logischen Schriften eine bedeutende Rolle. Hierbei geht es insbesondere um das VerhĂ€ltnis von PrĂ€dikaten und (wesentlichen) Eigenschaften.

Definitionen

Unter einer Definition versteht Aristoteles primĂ€r keine Nominaldefinition (die er auch kennt; siehe An. Post. II, 8–10), sondern eine Realdefinition. Eine Nominaldefinition gibt nur Meinungen an, welche sich mit einem Namen verbinden. Was diesen Meinungen in der Welt zugrundeliegt, gibt die Realdefinition an: eine Definition von X gibt notwendige Eigenschaften von X an und was es heißt, ein X zu sein: das Wesen. Möglicher Gegenstand einer Definition ist damit (nur) das, was ein (universales) Wesen aufweist, insbesondere Arten wie Mensch. Eine Art wird definiert durch die Angabe einer (logischen) Gattung und der artbildenden Differenz. So lĂ€sst sich Mensch definieren als vernunftbegabtes (Differenz) Lebewesen (Gattung). Individuen lassen sich mithin nicht durch Definition erfassen, sondern nur ihrer jeweiligen Art zuweisen.[12]

Kategorien als Aussageklassen

Aristoteles lehrt, dass es zehn nicht aufeinander zurĂŒckfĂŒhrbare Aussageweisen gibt, die auf die Fragen Was ist X?, Wie beschaffen ist X?, Wo ist X? etc. antworten (→ die vollstĂ€ndige Liste). Die Kategorien haben sowohl eine sprachlich-logische als auch eine ontologische Funktion, denn von einem zugrundeliegenden Subjekt (hypokeimenon) (z. B. Sokrates) werden einerseits PrĂ€dikate ausgesagt, und ihm kommen andererseits Eigenschaften zu (z. B.: weiß, Mensch). Entsprechend stellen die Kategorien die allgemeinsten Klassen sowohl von PrĂ€dikaten als auch des Seienden dar. Dabei hebt Aristoteles die Kategorie der Substanz, die notwendig zukommende, wesentliche PrĂ€dikate enthĂ€lt, von den anderen ab, die akzidentelle PrĂ€dikate enthalten.

Wenn man von Sokrates Mensch prÀdiziert (aussagt), so handelt es sich um eine wesentliche Aussage, die vom Subjekt (Sokrates) angibt, was er ist, also die Substanz benennt. Dies unterscheidet sich offensichtlich von einer Aussage wie Sokrates ist auf dem Marktplatz, mit der man etwas Akzidentelles angibt, nÀmlich wo Sokrates ist (also den Ort benennt).

Bearbeiten Deduktion und Induktion: Argumenttypen und Erkenntnismittel

Aristoteles unterscheidet zwei Typen von Argumenten oder Erkenntnismitteln: Deduktion (syllogismos) und Induktion (epagĂŽgĂȘ). Die Übereinstimmung mit den modernen Begriffen Deduktion und Induktion ist dabei weitgehend, aber nicht vollstĂ€ndig. Deduktionen und Induktionen spielen in den verschiedenen Bereichen der aristotelischen Argumentationstheorie und Logik die zentrale Rolle. Beide stammen ursprĂŒnglich aus der Dialektik.

Deduktion

Nach Aristoteles besteht eine Deduktion aus PrÀmissen und einer von diesen verschiedenen Konklusion. Die Konklusion folgt mit Notwendigkeit aus den PrÀmissen. Sie kann nicht falsch sein, wenn die PrÀmissen wahr sind.

„Eine Deduktion (syllogismos) ist ein Argument (logos), in welchem sich, wenn bestimmte Dinge vorausgesetzt werden, etwas von dem Vorausgesetzten Verschiedenes mit Notwendigkeit dadurch ergibt, dass dieses der Fall ist.“

– An. Pr. I 1, 24b18-20; Ähnlich Top. I 1, 100a25-27; Soph. el. 1, 165a1f.

Die Definition der Deduktion (syllogismos) ist also weiter als die der – traditionell Syllogismus genannten – Deduktion, die aus zwei PrĂ€missen und drei Termen besteht.

Aristoteles unterscheidet dialektische, eristische, rhetorische und demonstrative Deduktionen. Diese Formen unterscheiden sich vor allem nach der Art ihrer PrÀmissen.

Induktion

Der Deduktion stellt Aristoteles explizit die Induktion gegenĂŒber; deren Bestimmung und Funktion ist allerdings nicht so klar wie die der Deduktion. Er nennt sie

„den Aufstieg vom Einzelnen zum Allgemeinen. Zum Beispiel, wenn derjenige Steuermann, der sich auskennt, der beste (Steuermann) ist und so auch beim Wagenlenker, dann ist ĂŒberhaupt in jedem Bereich derjenige, der sich auskennt, der beste.“

– Top. I 12, 105a13f.

Aristoteles ist klar, dass ein derartiges Übergehen von singulĂ€ren zu allgemeinen SĂ€tzen nicht – ohne weitere Bedingungen –[13] logisch gĂŒltig ist (An. Post. II 5, 91b34f.). Entsprechende Bedingungen werden beispielsweise in dem ursprĂŒnglichen, argumentationslogischen Kontext der Dialektik erfĂŒllt, da der Kontrahent einen durch Induktion eingefĂŒhrten Allgemeinsatz akzeptieren muss, wenn er kein Gegenbeispiel nennen kann.

Vor allem aber hat die Induktion die Funktion, in anderen, nicht folgernden Kontexten durch das AnfĂŒhren von EinzelfĂ€llen das Allgemeine deutlich zu machen – sei es als didaktisches oder als heuristisches Verfahren. Eine derartige Induktion stellt plausible GrĂŒnde dafĂŒr bereit, einen allgemeinen Satz fĂŒr wahr zu halten. Aristoteles rechtfertigt aber nirgends – ohne weitere Bedingungen – induktiv die Wahrheit eines solchen Satzes.

Bearbeiten Dialektik: Theorie der Argumentation

Die in der Topik behandelte Dialektik ist eine Form der Argumentation, die (ihrer genuinen Grundform nach) in einer dialogischen Disputation stattfindet. Sie geht vermutlich auf Praktiken in der Akademie zurĂŒck. Die Zielsetzung der Dialektik lautet:

„Die Abhandlung beabsichtigt ein Verfahren zu finden, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, ĂŒber jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen (endoxa) zu deduzieren, und wenn wir selbst ein Argument vertreten, nichts WidersprĂŒchliches zu sagen.“

– Top. I 1, 100a18-21

Die Dialektik hat demnach keinen bestimmten Gegenstandsbereich, sondern kann universal angewendet werden. Aristoteles bestimmt die Dialektik durch die Art der PrĂ€missen dieser Deduktion. Ihre PrĂ€missen sind anerkannte Meinungen (endoxa), das heißt

„diejenigen, die entweder (a) von allen oder (b) den meisten oder (c) den Fachleuten und dabei entweder (ci) von allen oder (cii) den meisten oder (ciii) den bekanntesten und anerkanntesten fĂŒr richtig gehalten werden.“

– Top. I 1, 100b21-23; [14]

FĂŒr dialektische PrĂ€missen ist es unerheblich, ob sie wahr sind oder nicht. Weshalb aber anerkannte Meinungen? In ihrer Grundform findet Dialektik in einem argumentativen Wettstreit zwischen zwei Gegnern statt mit genau zugewiesenen Rollen. Auf ein vorgelegtes Problem der Form ‚Ist S P oder nicht?‘ muss der Antwortende sich auf eine der beiden Möglichkeiten als These festlegen.[15] Das dialektische GesprĂ€ch besteht nun darin, dass ein Fragender dem Antwortenden Aussagen vorlegt, die dieser entweder bejahen oder verneinen muss.[16] Die beantworteten Fragen gelten als PrĂ€missen. Das Ziel des Fragenden besteht nun darin, mithilfe der bejahten oder verneinten Aussagen eine Deduktion zu bilden, so dass die Konklusion die Ausgangsthese widerlegt oder aus den PrĂ€missen etwas Absurdes oder ein Widerspruch folgt. Die Methode der Dialektik weist zwei Bestandteile auf:

  1. herausfinden, welche PrĂ€missen ein Argument fĂŒr die gesuchte Konklusion ergeben.
  2. herausfinden, welche PrÀmissen der Antwortende akzeptiert.

FĂŒr 2. bieten die verschiedenen Typen (a)-(ciii) anerkannter Meinungen dem Fragenden Anhaltspunkte dafĂŒr, welche Fragen der jeweilige Antwortende bejahen wird, das heißt, welche PrĂ€missen er verwenden kann. Aristoteles fordert dazu auf, Listen solcher anerkannter Meinungen anzulegen (Top. I 14). Vermutlich meint er nach den Gruppen (a)-(ciii) getrennte Listen; diese werden wiederum nach Gesichtspunkten geordnet.

FĂŒr 1. hilft dem Dialektiker in seinem Argumentationsaufbau das Instrument der Topen. Ein Topos ist eine Konstruktionsanleitung fĂŒr dialektische Argumente, das heißt zur Auffindung geeigneter PrĂ€missen fĂŒr eine gegebene Konklusion. Aristoteles listet in der Topik etwa 300 dieser Topen auf. Der Dialektiker kennt diese Topen auswendig, die sich aufgrund ihrer Eigenschaften ordnen lassen. Die Basis dieser Ordnung stellt das System der PrĂ€dikabilien dar.

Nach Aristoteles ist die Dialektik fĂŒr dreierlei nĂŒtzlich: (1) als Übung, (2) fĂŒr die Begegnung mit der Menge und (3) fĂŒr die Philosophie. Neben (1) der Grundform des argumentativen Wettstreits (bei der es eine Jury und Regeln gibt und die wahrscheinlich auf Praktiken in der Akademie zurĂŒckgeht) gibt es mit (2) auch Anwendungsweisen, die zwar dialogisch, aber nicht als regelbasierter Wettstreit angelegt sind, sowie mit (3) solche, die nicht dialogisch sind, sondern in denen der Dialektiker im Gedankenexperiment (a) Schwierigkeiten nach beiden Seiten hin durchgeht (diaporĂȘsai) oder auch (b) Prinzipien untersucht (Top. I 4). FĂŒr ihn ist die Dialektik aber nicht wie bei Platon die Methode der Philosophie oder eine Fundamentalwissenschaft.

Bearbeiten Rhetorik: Theorie der Überzeugung

Aristoteles definiert Rhetorik als „FĂ€higkeit, bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende (pithanon) zu betrachten“ (Rhet. I 2, 1355b26f.). Er nennt sie ein GegenstĂŒck (antistrophos) zur Dialektik. Denn ebenso wie die Dialektik ist die Rhetorik ohne abgegrenzten Gegenstandsbereich, und sie verwendet dieselben Elemente (wie Topen, anerkannte Meinungen und insbesondere Deduktionen), und dem dialektischen Schließen entspricht das auf rhetorischen Deduktionen basierende Überzeugen.

Der Rhetorik kam im demokratischen Athen des vierten Jahrhunderts eine herausragende Bedeutung zu, insbesondere in der Volksversammlung und den Gerichten, die mit durch Los bestimmten Laienrichtern besetzt waren. Es gab zahlreiche Rhetoriklehrer, und RhetorikhandbĂŒcher kamen auf.

Aristoteles’ dialektische Rhetorik ist eine Reaktion auf die Rhetoriktheorie seiner Zeit, die – wie er kritisiert – bloße VersatzstĂŒcke fĂŒr Redesituationen bereitstellt und Anweisungen, wie man durch Verleumdung und die Erregung von Emotionen das Urteil der Richter trĂŒben kann. Im Gegensatz dazu beruht seine dialektische Rhetorik auf der Auffassung, dass wir dann am meisten ĂŒberzeugt sind, wenn wir meinen, dass etwas bewiesen worden ist (Rhet. I 1, 1355a5f.). Dass die Rhetorik sachorientiert sei und das jeweils in der Sache liegende Überzeugungspotential entdecken und ausschöpfen mĂŒsse, drĂŒckt er ebenfalls in der Gewichtung der drei Überzeugungsmittel aus. Diese sind:

  • der Charakter des Redners
  • der emotionale Zustand des Hörers
  • das Argument

Das Argument hĂ€lt er fĂŒr das wichtigste Mittel.

Unter den Argumenten unterscheidet Aristoteles das Beispiel – eine Form der Induktion – und das Enthymem – eine rhetorische Deduktion (wobei wiederum das Enthymem wichtiger als das Beispiel ist).[17] Das Entyhmem ist eine Art der dialektischen Deduktion. Sein besonderes Merkmal aufgrund der rhetorischen Situation ist, dass seine PrĂ€missen nur die anerkannten Meinungen sind, die von allen oder den meisten fĂŒr wahr gehalten werden. (Die verbreitete, kuriose Ansicht, das Enthymem sei ein Syllogismus, in dem eine der zwei PrĂ€missen fehle, vertritt Aristoteles nicht; sie basiert auf einem schon in der antiken Kommentierung belegten MissverstĂ€ndnis von 1357a7ff.) Der Redner ĂŒberzeugt demnach die Zuhörer, indem er eine Behauptung (als Konklusion) aus den Überzeugungen (als PrĂ€missen) der Zuhörer herleitet. Die Konstruktionsanleitungen dieser Enthymeme liefern rhetorische Topen, z. B.:

„Ein weiterer (Topos ergibt sich) aus dem Eher und Weniger, wie zum Beispiel: 'Wenn schon die Götter nicht alles wissen, dann wohl kaum die Menschen.' Denn das bedeutet: Wenn etwas dem, dem es eher zukommen könnte, nicht zukommt, dann ist offensichtlich, dass es auch nicht dem zukommt, dem es weniger zukommen könnte.“

– Rhet. II 23, 1397b12-15.

An den zeitgenössischen Rhetoriklehrern kritisiert Aristoteles, dass sie die Argumentation vernachlĂ€ssigten und ausschließlich auf Emotionserregung abzielten, etwa durch Verhaltensweisen wie Jammern oder Mitbringen der Familie zur Gerichtsverhandlung, wodurch ein sachbezogenes Urteil der Richter verhindert werde. Aristoteles’ Theorie zufolge können alle Emotionen definiert werden, indem drei Faktoren berĂŒcksichtigt werden. Man fragt: (1) WorĂŒber, (2) wem gegenĂŒber und (3) in welchem Zustand empfindet jemand die jeweilige Emotion? So lautet die Definition von Zorn:

„Es soll also Zorn [3] ein mit Schmerz verbundenes Streben nach einer vermeintlichen Vergeltung sein [1] fĂŒr eine vermeintliche Herabsetzung einem selbst oder einem der Seinigen gegenĂŒber [2] von solchen, denen eine Herabsetzung nicht zusteht.“

– Rhet. II 2, 1378a31-34.

Wenn der Redner mit diesem Definitionswissen den Zuhörern deutlich machen kann, dass der entsprechende Sachverhalt vorliegt und sie sich im entsprechenden Zustand befinden,[18] empfinden sie die entsprechende Emotion. Sofern der Redner mit dieser Methode bestehende Sachverhalte eines Falles hervorhebt, lenkt er damit nicht – wie bei den kritisierten VorgĂ€ngern – von der Sache ab, sondern fördert nur dem Fall angemessene Emotionen und verhindert somit unangemessene. Schließlich soll der Charakter des Redners aufgrund seiner Rede fĂŒr die Zuhörer glaubwĂŒrdig, das heißt tugendhaft, klug und wohlwollend erscheinen (Rhet. I 2, 1356a5-11; II 1, 1378a6-16)

Die sprachliche Form dient ebenfalls einer argumentativ-sachorientierten Rhetorik. Aristoteles definiert nĂ€mlich die optimale Form (aretĂȘ) dadurch, dass sie primĂ€r klar, dabei aber weder banal noch zu erhaben ist (Rhet. III 2, 1404b1-4). Durch solche Ausgewogenheit fördert sie das Interesse, die Aufmerksamkeit und das VerstĂ€ndnis und wirkt angenehm. Unter den Stilmitteln erfĂŒllt insbesondere die Metapher diese Bedingungen.

Bearbeiten Syllogistische Logik

Besteht die dialektische Logik in einer Methode des konsistenten Argumentierens, so besteht die syllogistische in einer Theorie des Beweisens selbst. In der Syllogistik zeigt Aristoteles, welche SchlĂŒsse gĂŒltig sind. HierfĂŒr verwendet er eine Form, die traditionell Syllogismus (die lateinische Übersetzung von syllogismos) genannt wird. Jeder Syllogismus ist eine Deduktion (syllogismos), aber nicht jede Deduktion ist ein Syllogismus. Aristoteles verwendet aber keinen eigenen Begriff, um den Syllogismus von anderen Deduktionen abzugrenzen.

Ein Syllogismus ist eine Deduktion, die aus genau zwei PrÀmissen und einer Konklusion besteht, wobei PrÀmissen und Konklusion genau drei verschiedene Terme aufweisen, von denen sie genau einen Term gemeinsam haben, der in der Konklusion nicht vorkommt. Durch die Stellung des gemeinsamen Terms, des Mittelterms (hier immer B) unterscheidet Aristoteles folgende syllogistische Figuren:

1. Figur: Mittelterm ist in (1) Subjekt, in (2) PrÀdikat 2. Figur: Mittelterm ist in (1) und in (2) PrÀdikat. 3. Figur: Mittelterm ist in (1) und in (2) Subjekt.
(1) AxB BxA AxB
(2) BxC BxC CxB
Konklusion AxC AxC AxC

[19]

Ein PrĂ€dikat (P) kann einem Subjekt (S) entweder zu- oder abgesprochen werden. Dies kann in partikulĂ€rer oder in allgemeiner Form geschehen. Somit gibt es vier Formen, in denen S und P miteinander verbunden werden können, wie die folgende Tabelle zeigt (nach De interpretatione 7; die Vokale werden seit dem Mittelalter fĂŒr den jeweiligen Aussagetypus und auch in der Syllogistik verwendet).

zusprechen absprechen
allgemein Jedes S ist P: a Jedes S ist nicht P = Kein S ist P: e
partikular Irgendein S ist P: i Irgendein S ist nicht P =Nicht jedes S ist P: o

Der Syllogismus verwendet genau diese vier Aussagetypen in folgender Form:

Inverse Stellung[20] ĂŒbliche Notation Normale Wortstellung
A kommt allen B zu. AaB Alle B sind A
A kommt keinem B zu. AeB Kein B ist A
A kommt einigen B zu. AiB Einige B sind A.
A kommt nicht B zu. AoB Einige B sind nicht A.

Aristoteles untersucht folgende Frage: Welche der 192 möglichen Kombinationen sind logisch gĂŒltige Deduktionen? Bei welchen Syllogismen ist es nicht möglich, dass, wenn die PrĂ€missen wahr sind, die Konklusion falsch ist? Er unterscheidet vollkommene Syllogismen, die unmittelbar einsichtig sind, von unvollkommenen. Die unvollkommenen Syllogismen fĂŒhrt er mittels Konversionsregeln auf die vollkommenen zurĂŒck (dieses Verfahren nennt er analysis) oder beweist sie indirekt. [21] Ein vollkommener Syllogismus ist der – seit dem Mittelalter so genannte – Barbara:[22]

aristotelische, inverse Stellung ĂŒbliche Notation Normale Stellung
(1) A kommt allen B zu. AaB Alle Griechen sind Menschen.
(2) B kommt allen C zu. BaC Alle Menschen sind sterblich.
Konklusion Also: A kommt allen C zu. AaC Also: Alle Griechen sind sterblich.
Weitere gĂŒltige Syllogismen und deren Beweise → Syllogismus

Die in den Analytica Priora ausgearbeitete Syllogistik wendet Aristoteles in seiner Wissenschaftstheorie, den Analytica Posteriora an.

Aristoteles entwickelt zudem eine modale Syllogistik, die die Begriffe möglich und notwendig einschließt. Diese Modalsyllogistik ist sehr viel schwieriger zu interpretieren als die einfache Syllogistik. Ob eine konsistente Interpretation dieser modalen Syllogistik ĂŒberhaupt möglich ist, ist noch heute umstritten. Interpretatorisch problematisch, aber auch bedeutend ist Aristoteles’ Definition von möglich. Er unterscheidet hierbei die sogenannte einseitige und die zweiseitige Möglichkeit:

  1. Einseitig: p ist möglich, insofern nicht-p nicht notwendig ist.
  2. Zweiseitig: p ist möglich, wenn p nicht notwendig und nicht-p nicht notwendig ist, das heißt p ist kontingent.

Damit lÀsst sich der Indeterminismus, den Aristoteles vertritt, als der Zustand charakterisieren, der kontingent ist.

Bearbeiten Wissen und Wissenschaft

Stufen des Wissens

Aristoteles unterscheidet verschiedene Stufen des Wissens, die sich folgendermaßen darstellen lassen (Met. I 1; An. post. II 19):

Epistemische Stufe Welche Lebewesen
Wissen Mensch
Erfahrung einige Tiere im eingeschrÀnkten Sinn; Mensch
Erinnerung die meisten Lebewesen
Wahrnehmung alle Lebewesen

Mit dieser Stufung beschreibt Aristoteles auch, wie Wissen entsteht: Aus Wahrnehmung entsteht Erinnerung und aus Erinnerung durch BĂŒndelung von Erinnerungsinhalten Erfahrung. Erfahrung besteht in einer Kenntnis einer Mehrzahl konkreter EinzelfĂ€lle und gibt nur das Dass an, ist bloße Faktenkenntnis. Wissen hingegen (oder Wissenschaft; epistĂȘmĂȘ umfasst beides) unterscheidet sich von Erfahrung dadurch, dass es[23]

  • (i) allgemein ist;
  • (ii) nicht nur das Dass eines Sachverhalts, sondern auch das Warum, den Grund oder die erklĂ€rende Ursache angibt.

In diesem Erkenntnisprozess schreiten wir nach Aristoteles von dem, was fĂŒr uns bekannter und nĂ€her an der sinnlichen Wahrnehmung ist, zu dem vor, was an sich oder von Natur aus bekannter ist, zu den Prinzipien und Ursachen der Dinge. Dass Wissen an oberster Stelle steht und ĂŒberlegen ist, bedeutet aber nicht, dass es im konkreten Fall die anderen Stufen in dem Sinne enthĂ€lt, dass es sie ersetzte. Im Handeln ist zudem die Erfahrung als Wissen vom Einzelnen den Wissensformen, die aufs Allgemeine gehen, mitunter ĂŒberlegen (Met. 981a12-25).

Ursachen und Demonstrationen

Unter einer Ursache (aitia) versteht Aristoteles in der Regel nicht ein von einem verursachten Ereignis B verschiedenes Ereignis A. Die Untersuchung von Ursachen dient nicht dazu, Wirkungen vorherzusagen, sondern Sachverhalte zu erklÀren. Eine aristotelische Ursache gibt einen Grund als Antwort auf bestimmte Warum-Fragen an. (Aristoteles unterscheidet vier Ursachentypen, die genauer hier im Abschnitt Naturphilosophie behandelt werden.)

Nach Aristoteles hat Ursachenwissen die Form einer bestimmten Deduktion: der Demonstration (apodeixis) eines Syllogismus mit wahren PrĂ€missen, die Ursachen fĂŒr den in der Konklusion ausgedrĂŒckten Sachverhalt angeben. Ein Beispiel:

Inverse Stellung Formal Normale Wortstellung
1. PrÀmisse Aus Bronze zu sein kommt allen Statuen zu. BaC Alle Statuen sind aus Bronze.
2. PrÀmisse Schwer zu sein kommt Bronze zu. AaC Bronze ist schwer.
Konklusion Schwer zu sein kommt allen Statuen zu. AaB Alle Statuen sind schwer.

Aristoteles spricht davon, dass die PrĂ€missen einiger Demonstrationen Prinzipien (archē; wörtl. Anfang, Ursprung) sind, erste wahre SĂ€tze, die selbst nicht demonstrativ bewiesen werden können.

Nicht-Beweisbare SĂ€tze

Neben den Prinzipien können auch die Existenz und die Eigenschaften der behandelten GegenstĂ€nde einer Wissenschaft sowie bestimmte, allen Wissenschaften gemeinsame Axiome nach Aristoteles nicht durch Demonstrationen bewiesen werden, wie beispielsweise der Satz vom Widerspruch.[24] Vom Satz des Widerspruchs zeigt Aristoteles, dass er nicht geleugnet werden kann. Er lautet: X kann Y nicht zugleich in derselben Hinsicht zukommen und nicht zukommen (Met. IV 3, 1005b19f.). Aristoteles argumentiert, dass, wer dies leugnet, etwas und somit etwas Bestimmtes sagen muss. Wenn er z. B. ‚Mensch‘ sagt, bezeichnet er damit Menschen und nicht Nicht-Menschen. Mit dieser Festlegung auf etwas Bestimmtes setze er aber den Satz vom Widerspruch voraus. Dies gelte sogar fĂŒr Handlungen, insofern eine Person etwa um einen Brunnen herumgeht und nicht in ihn hinein fĂ€llt.

Dass diese SĂ€tze und auch Prinzipien nicht demonstriert werden können, liegt an Aristoteles’ Lösung eines BegrĂŒndungsproblems: Wenn Wissen Rechtfertigung enthĂ€lt, dann fĂŒhrt dies in einem konkreten Fall von Wissen entweder (a) zu einem Regress, (b) einem Zirkel oder (c) zu fundamentalen SĂ€tzen, die nicht begrĂŒndet werden können. Prinzipien in einer aristotelischen demonstrativen Wissenschaft sind solche SĂ€tze, die nicht demonstriert, sondern auf andere Weise gewusst werden (An. Post. I 3).

Das VerhÀltnis von Definition, Ursache und Demonstration

Aristoteles spricht zudem davon, dass, sofern die PrÀmissen Prinzipien sind, sie auch Definitionen darstellen können. Wie sich Demonstration, Ursache und Definition zueinander verhalten, illustriert folgendes Beispiel: Der Mond weist zum Zeitpunkt t eine Finsternis auf, weil (i) immer, wenn etwas im Sonnenschatten der Erde ist, es eine Finsternis aufweist und (ii) der Mond zum Zeitpunkt t im Sonnenschatten der Erde liegt.
Demonstration:

Inverse Stellung Formal
1. PrÀmisse Finsternis kommt allen FÀllen zu, in denen die Erde die Sonne verdeckt. AaB
2. PrÀmisse Verdecken der Sonne durch die Erde kommt dem Mond zum Zeitpunkt t zu. BiC
Konklusion Finsternis kommt dem Mond zum Zeitpunkt t zu. AiC

Mittelterm: Verdecken der Sonne durch die Erde.
Ursache: Verdecken der Sonne durch die Erde kommt dem Mond zum Zeitpunkt t zu.

Die Definition wĂ€re hier etwa: Mondfinsternis ist der Fall, in dem die Erde die Sonne verdeckt. Sie erklĂ€rt nicht das Wort ‚Mondfinsternis‘. Vielmehr gibt sie an, was eine Mondfinsternis ist. Indem man die Ursache angibt, schreitet man von einem Faktum zu seinem Grund fort. Das Verfahren der Analyse besteht darin, bottom-up zu einem bekannten Sachverhalt die nĂ€chste Ursache zu suchen, bis eine letzte Ursache erreicht ist.

Status der Prinzipien und Funktion der Demonstration

Das aristotelische Wissenschaftsmodell wurde in der Neuzeit und bis ins 20. Jahrhundert als ein Top-down-Beweisverfahren verstanden. Die unbeweisbaren Prinzipien seien notwendig wahr und wĂŒrden durch Induktion und Intuition (nous) erlangt. Alle SĂ€tze einer Wissenschaft wĂŒrden – in einer axiomatischen Struktur – aus ihren Prinzipien folgen. Wissenschaft beruht demnach auf zwei Schritten: ZunĂ€chst wĂŒrden die Prinzipien intuitiv erfasst, dann wĂŒrde top-down aus ihnen Wissen demonstriert.[25]

Gegner dieser Top-down-Interpretation stellen vor allem infrage, dass fĂŒr Aristoteles

  1. die Prinzipien immer wahr sind;
  2. die Prinzipien durch Intuition gewonnen werden;
  3. die Funktion der Demonstration darin besteht, dass aus obersten Prinzipien Wissen erschlossen wird.

Eine Interpretationsrichtung behauptet, die Demonstration habe didaktische Funktion. Da Aristoteles in den naturwissenschaftlichen Schriften seine Wissenschaftstheorie nicht befolge, lege diese nicht dar, wie Forschung durchgefĂŒhrt, sondern wie sie didaktisch prĂ€sentiert werden soll.

Eine andere Auslegung weist auch die didaktische Interpretation zurĂŒck, da sich sehr wohl Anwendungen des wissenschaftstheoretischen Modells in den naturwissenschaftlichen Schriften finden ließen. Vor allem aber kritisiert sie die erste Lesart dahingehend, dass sie nicht zwischen Wissensideal und Wissenskultur unterscheide; denn Aristoteles halte Prinzipien fĂŒr fallibel und die Funktion der Demonstration fĂŒr heuristisch. Sie liest die Demonstration bottom-up: Zu bekannten Sachverhalten wĂŒrden mithilfe der Demonstration deren Ursachen gesucht. Die wissenschaftliche Forschung gehe von den fĂŒr uns bekannteren empirischen (meist universalen) SĂ€tzen aus. Zu einer solchen Konklusion werden PrĂ€missen gesucht, die fĂŒr den entsprechenden Sachverhalt Ursachen angeben.

Der wissenschaftliche Forschungsprozess besteht nun darin, beispielsweise die VerknĂŒpfung von Schwere und Statue oder Mond und Finsternis in der Weise genauer zu analysieren, dass man Mittelterme sucht, die sie als Ursachen miteinander verknĂŒpfen. Im einfachsten Fall gibt es dabei nur einen Mittelterm, in anderen mehrere. Top-down wird dann das Wissen von den erklĂ€renden PrĂ€missen zu den erklĂ€rten universalen empirischen SĂ€tzen prĂ€sentiert. Dabei geben die PrĂ€missen den Grund fĂŒr den in der Konklusion beschriebenen Sachverhalt an. Das Ziel jeder Disziplin besteht in einer derartigen demonstrativen Darstellung des Wissens, in der die nicht demonstrierbaren Prinzipien dieser Wissenschaft PrĂ€missen sind.

Erfassen der Prinzipien

Wie die Prinzipien nach Aristoteles erfasst werden, bleibt undeutlich und ist umstritten. Vermutlich werden sie durch Allgemeinbegriffe gebildet, die durch einen induktiven Vorgang entstehen, einen Aufstieg innerhalb der oben beschriebenen Wissensstufen: Wahrnehmung wird Erinnerung, wiederholte Wahrnehmung verdichtet sich zu Erfahrung, und aus Erfahrung bilden wir Allgemeinbegriffe. Mit dieser auf der Wahrnehmung basierenden Konzeption der Bildung von Allgemeinbegriffen weist Aristoteles sowohl Konzeptionen zurĂŒck, die die Allgemeinbegriffe aus einem höheren Wissen ableiten, als auch diejenigen, die behaupten, Allgemeinbegriffe seien angeboren. Vermutlich auf Grundlage dieser Allgemeinbegriffe werden die Prinzipien, Definitionen gebildet. Die Dialektik, die Fragen in der Form ‚Trifft P auf S zu oder nicht?‘ behandelt, ist vermutlich ein Mittel, Prinzipien zu prĂŒfen. Das Vermögen, das diese grundlegenden Allgemeinbegriffe und Definitionen erfasst, ist der Geist, die Einsicht (nous).

Bearbeiten Naturphilosophie

Natur

In Aristoteles’ Naturphilosophie bedeutet Natur (physis) zweierlei: Zum einen besteht der primĂ€re Gegenstandsbereich aus den von Natur aus bestehenden Dingen (Tiere, Pflanzen, die Elemente), die sich von Artefakten unterscheiden. Zum anderen ist Natur ein Prinzip oder der Ursprung (archē) der VerĂ€nderung (kĂ­nēsis) und Ruhe (stasis). Dieses Prinzip enthalten die Naturdinge in sich. Bei Artefakten kommt das Prinzip jeder VerĂ€nderung von außen (Phys. II 1, 192b8-22). Der zentrale Begriff der Naturphilosophie ist somit die VerĂ€nderung oder Bewegung (kĂ­nēsis). Die Wissenschaft der Natur hĂ€ngt von der Kenntnis der Prinzipien und Ursachen der VerĂ€nderung ab.

Definition, Prinzipien und Arten der VerÀnderung

Ein VerĂ€nderungsprozess von X ist gegeben, wenn X, das (i) der Wirklichkeit nach die Eigenschaft F und (ii) der Möglichkeit nach G aufweist, die Eigenschaft G verwirklicht. Bei Bronze (X), die der Wirklichkeit nach ein Klumpen ist (F) und der Möglichkeit nach eine Statue (G), liegt VerĂ€nderung dann vor, wenn die Bronze der Wirklichkeit nach die Form einer Statue (G) wird; der Prozess ist abgeschlossen, wenn die Bronze diese Form besitzt. Oder wenn der ungebildete Sokrates gebildet wird, so verwirklicht sich ein Zustand, welcher der Möglichkeit nach schon vorlag. Der VerĂ€nderungsprozess ist also durch seinen Übergangsstatus gekennzeichnet und setzt voraus, dass etwas, das der Möglichkeit nach vorliegt, verwirklicht werden kann (Phys. III 1, 201a10-201b5).

FĂŒr alle VerĂ€nderungsprozesse hĂ€lt Aristoteles (in Übereinstimmung mit seinen naturphilosophischen VorgĂ€ngern) GegensĂ€tze fĂŒr grundlegend. Er vertritt darĂŒber hinaus die These, dass in einem VerĂ€nderungsprozess diese GegensĂ€tze (wie gebildet-ungebildet) immer an einem Substrat oder Zugrundeliegenden (hypokeimenon) auftreten, so dass sein Modell folgende drei Prinzipien aufweist:

  1. Substrat der VerÀnderung (X);
  2. Ausgangszustand der VerÀnderung (F);
  3. Zielzustand der VerÀnderung (G).

Wird der ungebildete Sokrates gebildet, so ist er dabei an jedem Punkt der VerÀnderung Sokrates. Entsprechend bleibt die Bronze Bronze. Das Substrat der VerÀnderung, an dem diese sich vollzieht, bleibt dabei mit sich selbst identisch. Den Ausgangszustand der VerÀnderung fasst Aristoteles dabei als einen Zustand, dem die entsprechende Eigenschaft des Zielzustands ermangelt (Privation) (Phys. I 7).

Aristoteles unterscheidet vier Arten der VerÀnderung:

  1. Qualitative VerÀnderung
  2. Quantitative VerÀnderung
  3. Ortsbewegung
  4. Entstehen/Vergehen.

Bei jeder VerĂ€nderung – so Aristoteles – gibt es ein zugrundeliegendes, numerisch identisches Substrat (Physik I 7, 191a13-15). Im Falle qualitativer, quantitativer und örtlicher VerĂ€nderung ist dies ein konkretes Einzelding, das seine Eigenschaften, seine GrĂ¶ĂŸe oder seine Position verĂ€ndert. Wie verhĂ€lt sich dies aber beim Entstehen/Vergehen konkreter Einzeldinge? Die Eleaten hatten die einflussreiche These vertreten, Entstehen sei nicht möglich, da sie es fĂŒr widersprĂŒchlich hielten, wenn Seiendes aus Nicht-Seiendem hervorginge (bei Entstehen aus Seiendem sahen sie ein Ă€hnliches Problem). Die Lösung der Atomisten, Entstehen sei ein Prozess, in dem durch Mischung und Trennung unvergĂ€nglicher und unverĂ€nderlicher Atome aus alten neue Einzeldinge hervorgehen, fĂŒhrt nach Aristoteles’ Ansicht Entstehen illegitimerweise auf qualitative VerĂ€nderung zurĂŒck (Gen. Corr. 317a20ff.).

Form und Materie bei Entstehen/Vergehen

Aristoteles’ Analyse von Entstehen/Vergehen basiert auf der innovativen Unterscheidung von Form und Materie (Hylemorphismus). Er akzeptiert, dass kein konkretes Einzelding aus Nichtseiendem entstehe, analysiert den Fall Entstehen jedoch folgendermaßen. Ein konkretes Einzelding des Typs F entsteht nicht aus einem nicht-seienden F, sondern aus einem zugrundeliegenden Substrat, das nicht die Form F aufweist: der Materie.

Ein Ding entsteht, indem Materie eine neu hinzukommende Form annimmt. So entsteht eine Bronzestatue, indem eine Bronzemasse eine entsprechende Form annimmt. Die fertige Statue besteht aus Bronze, die Bronze liegt der Statue als Materie zugrunde. Die Antwort auf die Eleaten lautet, dass einer nicht-seienden Statue die Bronze als Materie entspricht, die durch Hinzukommen einer Form zur Statue wird. Der Entstehungsprozess ist dabei von verschiedenen Seinsgraden gekennzeichnet. Die tatsÀchliche, aktuale, geformte Statue entsteht aus etwas, das potentiell eine Statue ist, nÀmlich Bronze als Materie (Phys. I 8, 191b10-34).

Materie und Form sind Aspekte eines konkreten Einzeldings und treten nicht selbstĂ€ndig auf.[26] Materie ist immer Stoff eines bestimmten Dings, das schon eine Form aufweist. Sie ist ein relativer Abstraktionsbegriff zu Form. Indem eine derartige Materie in einer neuen Weise strukturiert wird, entsteht ein neues Einzelding. Ein Haus setzt sich aus Form (dem Bauplan) und Materie (Holz und Ziegel) zusammen. Die Ziegel als Materie des Hauses sind durch einen bestimmten Prozess auf eine bestimmte Weise geformter, konfigurierter Lehm.[27] Unter Form versteht Aristoteles seltener die Ă€ußere Gestalt (dies nur bei Artefakten), in der Regel die innere Struktur oder Natur, dasjenige, was durch eine Definition erfasst wird. Die Form eines Gegenstandes eines bestimmten Typs beschreibt dabei Voraussetzungen, welche Materie fĂŒr diesen geeignet ist und welche nicht.

Ursachen

Um Wissen von VerĂ€nderungsprozessen und so von der Natur zu besitzen, muss man – so Aristoteles – die entsprechenden Ursachen (aitiai) kennen (Phys. I 1, 184a10-14). Aristoteles behauptet, es gebe genau vier Ursachentypen, die jeweils auf verschiedene Weise auf die Frage Warum antworten und die in der Regel bei einer vollstĂ€ndigen ErklĂ€rung alle angegeben werden mĂŒssen (Phys. II 3, 194b23-35):

Bezeichnung traditionelle Bezeichnung ErlÀuterung Beispiel: Ursachen eines Hauses
Materialursache causa materialis das, aus dem eine Sache entsteht und dabei in ihr enthalten ist Holz und Ziegel
Formursache causa formalis die Struktur; das, was angibt, worin das Sein einer Sache besteht Bauplan
Bewegungsursache causa efficiens das, woher der erste Anlass von Bewegung und Ruhe kommt Architekt
Finalursache causa finalis das Ziel, um dessentwillen etwas geschieht Schutz vor Unwetter

Der aristotelische Ursachenbegriff unterscheidet sich weitgehend vom modernen. In der Regel treffen zur ErklÀrung desselben Sachverhaltes oder Gegenstandes verschiedene Ursachen zugleich zu. Die Formursache fÀllt oft mit der Bewegungsursache und der Finalursache zusammen. Die Ursache eines Hauses sind so Ziegel und Holz, der Bauplan, der Architekt und der Schutz vor Unwetter. Letztere drei fallen oft zusammen, insofern beispielsweise der Zweck Schutz vor Unwetter den Bauplan (im Geist) des Architekten bestimmt.

Die Finalursache ist vom Standpunkt der neuzeitlichen mechanistischen Physik aus kritisiert worden. Von einer insgesamt teleologisch ausgerichteten Natur wie bei Platon setzt sich Aristoteles jedoch weitgehend ab. Finale Ursachen treten fĂŒr ihn in der Natur vor allem in der Biologie auf, und zwar beim funktionellen Aufbau von Lebewesen und der Artenreproduktion.

Bearbeiten Metaphysik

Metaphysik als Erste Philosophie

Aristoteles gebraucht den Ausdruck „Metaphysik“ nicht. Gleichwohl trĂ€gt eines seiner wichtigsten Werke traditionell diesen Titel. Die Metaphysik ist eine von einem spĂ€teren Herausgeber zusammengestellte Sammlung von Einzeluntersuchungen, die ein mehr oder weniger zusammenhĂ€ngendes Themenspektrum abdecken, indem sie nach den Prinzipien und Ursachen des Seienden und nach der dafĂŒr zustĂ€ndigen Wissenschaft fragen. Ob der Titel (ta meta ta physika: die <Schriften, Dinge> nach der Physik) einen bloß bibliografischen oder einen sachbezogenen Hintergrund hat, ist unklar.

Aristoteles spricht in der Metaphysik von einer allen anderen Wissenschaften vorgeordneten Wissenschaft, die er Erste Philosophie, Weisheit (sophia) oder auch Theologie nennt. Diese Erste Philosophie wird in dieser Sammlung aus Einzeluntersuchungen auf drei Weisen charakterisiert:

  1. als Wissenschaft der allgemeinsten Prinzipien, die fĂŒr Aristoteles’ Wissenschaftstheorie zentral sind (→ Satz vom Widerspruch)
  2. als Wissenschaft vom Seienden als Seienden, die aristotelische Ontologie
  3. als Wissenschaft vom Göttlichen, die aristotelische Theologie (→ Theologie)

Ob oder inwieweit diese drei Projekte zusammenhÀngende Aspekte derselben Wissenschaft oder voneinander unabhÀngige Einzelprojekte sind, ist kontrovers. Aristoteles behandelt spÀter metaphysisch genannte Themen auch in anderen Schriften.

Bearbeiten Ontologie

Im Corpus Aristotelicum finden sich in zwei Werken, den frĂŒhen Kategorien und der spĂ€ten Metaphysik, unterschiedliche Theorien des Seienden.

Substanzen in den Kategorien

Die Kategorien, die die erste Schrift im Organon bilden, sind vermutlich das einflussreichste Werk des Aristoteles und der Philosophiegeschichte ĂŒberhaupt.

Die frĂŒhe Ontologie der Kategorien befasst sich mit den Fragen ‚Was ist das eigentlich Seiende?‘ und ‚Wie ist das Seiende geordnet?‘ und ist als Kritik an der Position Platons zu verstehen. Der mutmaßliche Gedankengang lĂ€sst sich folgendermaßen skizzieren. Unterschieden werden Eigenschaften, die Einzeldingen zukommen (P kommt S zu). DafĂŒr liegen zwei Deutungsmöglichkeiten nahe: Das eigentlich Seiende, die Substanz (ousia)[28] sind

  1. abstrakte, unabhÀngig existierende Universalien als Ursache und Erkenntnisgegenstand von Eigenschaften.
  2. konkrete Einzeldinge als TrÀger von Eigenschaften.

Aristoteles selbst berichtet, Platon habe gelehrt, man mĂŒsse von den wahrnehmbaren Einzeldingen getrennte, nicht sinnlich wahrnehmbare, unverĂ€nderliche, ewige Universalien unterscheiden. Platon nahm an, dass es Definitionen (und damit aus seiner Sicht auch Wissen) von den Einzeldingen, die sich bestĂ€ndig Ă€ndern, nicht geben kann. Gegenstand der Definition und des Wissens sind die Ideen[29] als das fĂŒr die Ordnungsstruktur des Seienden UrsĂ€chliche (Met. I 6). Verdeutlichen lĂ€sst sich dies an einer von allen Menschen getrennten, einzelnen und numerisch identischen Idee des Menschen, die fĂŒr das jeweilige Menschsein ursĂ€chlich ist und die Erkenntnisgegenstand ist fĂŒr die Frage ‚Was ist ein Mensch?‘.

In der Konsequenz – so Platon – existieren im eigentlichen, unabhĂ€ngigen Sinne allein die unverĂ€nderlichen Ideen. Die Einzeldinge existieren nur in AbhĂ€ngigkeit von den Ideen. Diese ontologische Konsequenz kritisiert Aristoteles. Er meint, dass die Ideen nicht zugleich Universalien sein und als Einzelnes getrennt von konkreten Einzeldingen selbstĂ€ndig existieren können (Met. XIII 9, 1086a32-34).

Aristoteles’ Einteilung des Seienden in den Kategorien scheint sich von der skizzierten Position Platons abzugrenzen. Er orientiert sich dabei an der sprachlichen Struktur einfacher SĂ€tze der Form ‚S ist P‘ und der sprachlichen Praxis, wobei er die sprachliche und die ontologische Ebene nicht explizit voneinander scheidet.

Einige AusdrĂŒcke – wie ‚Sokrates‘ – können nur die Subjektposition S in dieser sprachlichen Struktur einnehmen, alles andere wird von ihnen prĂ€diziert. Die Dinge, die in diese Kategorie der Substanz fallen und die er Erste Substanz nennt, sind ontologisch selbstĂ€ndig; sie bedĂŒrfen keines anderen Dinges, um zu existieren. Daher sind sie ontologisch primĂ€r, denn alles andere ist von ihnen abhĂ€ngig und nichts wĂŒrde ohne sie existieren. Diese abhĂ€ngigen Eigenschaften bedĂŒrfen eines Einzeldings, einer ersten Substanz als eines TrĂ€gers, an der sie vorkommen. Derartige Eigenschaften (z. B. weiß, sitzend) können einem Einzelding (etwa Sokrates) jeweils zukommen oder auch nicht zukommen und sind daher akzidentelle Eigenschaften. Dies betrifft alles außerhalb der Kategorie der Substanz.

FĂŒr einige Eigenschaften (z. B. ‚Mensch‘) gilt nun, dass sie in der Weise von einem Einzelding (z. B. Sokrates) ausgesagt werden können, dass ihre Definition (vernĂŒnftiges Lebewesen) auch von diesem Einzelding gilt. Sie kommen ihm daher notwendig zu. Dies sind die Art und die Gattung. Aufgrund dieses engen Bezugs, in dem die Art und die Gattung angeben, was eine erste Substanz jeweils ist (etwa in der Antwort auf die Frage ‚Was ist Sokrates?‘: ‚ein Mensch‘), nennt Aristoteles sie zweite Substanz. Dabei hĂ€ngt auch eine zweite Substanz von einer ersten Substanz ontologisch ab.

  • A) Kategorie der Substanz:
    • 1. Substanz: Merkmal der SelbstĂ€ndigkeit.
    • 2. Substanz: Merkmal der Erkennbarkeit.
  • B) Nichtsubstanziale Kategorien: Akzidenzien.

Aristoteles vertritt also folgende Thesen:

  1. Nur Einzeldinge (erste Substanzen) sind selbstÀndig und daher ontologisch primÀr.
  2. Alle Eigenschaften hÀngen von den Einzeldingen ab. Es existieren keine unabhÀngigen, nicht-exemplifizierten Universalien.
  3. Neben kontingenten, akzidentellen Eigenschaften (wie ‚weiß‘) gibt es notwendige, essentielle Eigenschaften (wie ‚Mensch‘), die angeben, was ein Einzelding jeweils ist.
Die Substanztheorie der Metaphysik

In der Metaphysik vertritt Aristoteles im Rahmen seines Vorhabens, das Seiende als Seiendes zu untersuchen, die Auffassung, dass alles Seiende entweder eine Substanz ist oder auf eine bezogen ist (Metaphysik IV 2). In den Kategorien hatte er ein Kriterium fĂŒr Substanzen formuliert und Beispiele (Sokrates) fĂŒr diese gegeben. In der Metaphysik thematisiert er nun abermals die Substanz, um nach den Prinzipien und Ursachen einer Substanz, eines konkreten Einzeldings zu suchen. Hier fragt er nun: Was macht etwa Sokrates zu einer Substanz? Substanz ist hier also ein zweistelliges PrĂ€dikat (Substanz von X), so dass man die Frage so formulieren kann: Was ist die Substanz-X einer Substanz?[30][31] Dabei spielt die Form-Materie-Unterscheidung, die in den Kategorien nicht prĂ€sent ist, eine entscheidende Rolle.

Aristoteles scheint die Substanz-X vor allem mit Hilfe zweier Kriterien zu suchen, die in der Theorie der Kategorien auf die erste und die zweite Substanz verteilt sind:

  • (i) selbstĂ€ndige Existenz oder Subjekt fĂŒr alles andere, aber nicht selbst Subjekt zu sein (erste Substanz);
  • (ii) Definitionsgegenstand zu sein, Erkennbarkeit zu garantieren, das heißt auf die Frage ‚Was ist X?‘ zu antworten (zweite Substanz).

Das Kriterium (ii) wird genauer erfĂŒllt, indem Aristoteles das Wesen als Substanz-X bestimmt. Mit Wesen meint er dabei, was ontologisch einer Definition entspricht (Met. VII 4; 5, 1031a12; VIII 1, 1042a17). Das Wesen beschreibt die notwendigen Eigenschaften, ohne die ein Einzelding aufhören wĂŒrde, ein und dieselbe Sache zu sein. Fragt man: Was ist die Ursache dafĂŒr, dass diese Materieportion Sokrates ist?, so ist Aristoteles’ Antwort: Das Wesen von Sokrates, welches weder ein weiterer Bestandteil neben den materiellen Bestandteilen ist (dann bedĂŒrfte es eines weiteren Strukturprinzips, um zu erklĂ€ren, wie es mit den materiellen Bestandteilen vereint ist) noch etwas aus materiellen Bestandteilen (dann mĂŒsste man erklĂ€ren, wie das Wesen selbst zusammengesetzt ist).

Aristoteles ermittelt die Form (eidos)[32] eines Einzeldings als sein Wesen und somit als Substanz-X. Mit Form meint er weniger die Ă€ußere Gestalt als vielmehr die Struktur: Die Form

  • wohnt dem Einzelding inne,
  • bewirkt
    • bei Lebewesen die Entstehung eines Exemplars derselben Art (Met. VII 8, 1033b30-2)
    • bei Artefakten (z. B. Haus) als formale Ursache (Bauplan) (Met. VII 9, 1034a24) im Geist des Produzenten (Met. VII 7, 1032b23) (Architekt) die Entstehung des Einzeldings.
  • geht der Entstehung eines aus Form und Materie zusammengesetzten Einzeldings voraus und entsteht und verĂ€ndert sich nicht und bewirkt so (bei natĂŒrlichen Arten) eine KontinuitĂ€t der Formen, die fĂŒr Aristoteles ewig ist (Met. VII 8, 1033b18)
  • ist Ursache, ErklĂ€rung der wesentlichen Eigenschaften und FĂ€higkeiten eines Einzeldings (Beispielsweise ist die Form eines Menschen die Seele (Met. VII 10, 1035b15), welche sich aus FĂ€higkeiten wie NĂ€hrvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen unter anderem konstituiert (An. II 2, 413b11-13)).

Dass die Form als Substanz-X auch das genannte Kriterium (ii), selbstĂ€ndig zu sein, erfĂŒllen muss, und dies teilweise als Kriterium fĂŒr etwas Individuelles aufgefasst wird, ist einer von vielen Aspekten in folgender zentralen interpretatorischen Kontroverse: Fasst Aristoteles die Form (A) als etwas Allgemeines oder (B) als etwas (dem jeweiligen Einzelding) Individuelles auf? Als Problem formuliert: Wie kann die Form, das eidos zugleich Form eines Einzeldings und Gegenstand des Wissens sein?[33] FĂŒr (A) spricht insbesondere, dass Aristoteles an mehreren Stellen davon ausgeht, dass die Substanz-X und somit die Form definierbar ist (Met. VII 13) und dies fĂŒr ihn (wie fĂŒr Platon) nur auf Allgemeines zutrifft (VII 11, 1036a; VII 15, 1039b31-1040a2). FĂŒr (B) hingegen spricht vor allem, dass Aristoteles kategorisch die unplatonische Position zu vertreten scheint: Kein Allgemeines kann Substanz-X sein (Met. VII 13). Nach (B) besitzen Sokrates und Kallias zwei auch qualitativ verschiedene Formen. Definierbar mĂŒssten dann zu separierende, ĂŒberindividuelle Aspekte dieser beiden Formen sein. Die Interpretation (A) hingegen löst das Dilemma etwa, indem sie die Aussage Kein Allgemeines ist Substanz-X als Nichts allgemein PrĂ€dizierbares ist Substanz-X interpretiert und so entschĂ€rft. Die Form werde nicht auf herkömmliche Weise (wie die Art ‚Mensch‘ von ‚Sokrates‘ in den Kategorien) prĂ€diziert und sei daher nicht im problematischen Sinne allgemein. Vielmehr werde die Form von der unbestimmten Materie in einer Weise ‚prĂ€diziert‘, die einen Einzelgegenstand erst konstituiere.[34]

Akt und Potenz

Die fĂŒr die Ontologie wichtige Beziehung zwischen Form und Materie wird durch ein weiteres Begriffspaar genauer erlĂ€utert: Akt (energeia, entelecheia) und Potenz (dynamis).

FĂŒr die Form-Materie-Unterscheidung ist die spĂ€ter ontologisch genannte Bedeutung von Potenz oder Vermögen wichtig.[35] PotentialitĂ€t ist hier ein Zustand, dem ein anderer Zustand – AktualitĂ€t – gegenĂŒbersteht, indem ein Gegenstand der Wirklichkeit nach F oder dem Vermögen, der Möglichkeit nach F ist. So ist ein Junge der Möglichkeit nach ein Mann, ein ungebildeter Mensch der Möglichkeit nach ein gebildeter (Met. IX 6).

Dieses (hier diachron beschriebene) VerhĂ€ltnis von AktualitĂ€t und PotentialitĂ€t bildet die Grundlage fĂŒr das (auch synchron zu verstehende) VerhĂ€ltnis von Form und Materie, denn Form und Materie sind Aspekte eines Einzeldings, nicht dessen Teile. Sie sind im VerhĂ€ltnis von AktualitĂ€t und PotentialitĂ€t miteinander verbunden und konstituieren so (erst) das Einzelding. Die Materie eines Einzeldings ist demnach genau das potentiell, was die Form des Einzeldings und das Einzelding selbst aktual sind (Met. VIII 1, 1042a27f.; VIII 6, 1045a23-33; b17-19). Zum einen ist zwar (diachron betrachtet) eine bestimmte Portion Bronze potentiell eine Kugel wie auch eine Statue. Zum anderen aber ist (synchron als konstituierender Aspekt) die Bronze an einer Statue potentiell genau das, was die Statue und deren Form aktual sind. Die Bronze der Statue ist ein Konstituens der Statue, ist aber nicht mit ihr identisch. Und so sind auch Fleisch und Knochen potentiell das, was Sokrates oder seine Form (die fĂŒr einen Menschen typische Konfiguration und FĂ€higkeiten seiner materiellen Bestandteile,→ Psychologie) aktual sind.

So wie die Form gegenĂŒber der Materie ist fĂŒr Aristoteles auch die AktualitĂ€t gegenĂŒber der PotentialitĂ€t primĂ€r (Met. IX 8, 1049b4-5). Unter anderem ist sie der Erkenntnis nach primĂ€r. Man kann nur dann ein Vermögen angeben, wenn man Bezug auf die Wirklichkeit nimmt, zu der es ein Vermögen ist. Das Sehvermögen etwa lĂ€sst sich nur bestimmen, indem man auf die TĂ€tigkeit ‚Sehen‘ Bezug nimmt (Met. IX 8, 1049b12-17). Des Weiteren ist die AktualitĂ€t im entscheidenden Sinne auch zeitlich frĂŒher als die PotentialitĂ€t, denn ein Mensch entsteht durch einen Menschen, der aktual Mensch ist (Met. IX 8, 1049b17-27).

Bearbeiten Theologie

Aristoteles unterscheidet im Vorfeld seiner Theologie drei mögliche Substanzen: (i) sinnlich wahrnehmbare vergÀngliche, (ii) sinnlich wahrnehmbare ewige und (iii) nicht sinnlich wahrnehmbare ewige und unverÀnderliche (Met. XII 1, 1069a30-1069b2). (i) sind die konkreten Einzeldinge (der sublunaren SphÀre), (ii) die ewigen, bewegten Himmelskörper, (iii) erweist sich als der selbst unbewegte Ursprung aller Bewegung.

Aristoteles argumentiert fĂŒr einen göttlichen Beweger, indem er feststellt, dass, wenn alle Substanzen vergĂ€nglich wĂ€ren, alles vergĂ€nglich sein mĂŒsste, die Zeit und die VerĂ€nderung selbst jedoch notwendig unvergĂ€nglich sind (Phys. VIII 1, 251a8-252b6; Met. XII 6, 1071b6-10). Aristoteles zufolge ist die einzige VerĂ€nderung, die ewig existieren kann, die Kreisbewegung (Phys. VIII 8–10; Met. XII 6,1071b11). Die entsprechende beobachtbare kreisförmige Bewegung der Fixsterne muss daher als Ursache eine ewige und immaterielle Substanz haben (Met. XII 8, 1073b17-32). Enthielte das Wesen dieser Substanz PotentialitĂ€t, könnte die Bewegung unterbrochen werden. Daher muss sie reine AktualitĂ€t, TĂ€tigkeit sein (Met. XII , 1071b12-22). Als letztes Prinzip muss dieser Beweger selbst unbewegt sein.

Nach Aristoteles bewegt der unbewegte Beweger „wie ein Geliebtes“, nĂ€mlich als Ziel (Met. XII 7, 1072b3), denn das Begehrte, das Gedachte und insbesondere das Geliebte kann bewegen, ohne bewegt zu sein (Met. XII 7, 1072a26). Seine TĂ€tigkeit ist die lustvollste und schönste. Da er immaterielle Vernunft (nous) ist und seine TĂ€tigkeit im Denken des besten Gegenstandes besteht, denkt er sich selbst: das „Denken des Denkens“ (noĂȘsis noĂȘseĂŽs) (Met. XII 9, 1074b34f.). Da nur Lebendiges denken kann, muss er zudem lebendig sein. Den unbewegten Beweger identifiziert Aristoteles mit Gott (Met. XII 7, 1072b23ff.).

Der unbewegte Beweger bewegt die gesamte Natur. Die FixsternsphĂ€re bewegt sich, da sie mit der Kreisbewegung die Vollkommenheit nachahmt. Die anderen Himmelskörper werden vermittelt ĂŒber die FixsternsphĂ€re bewegt. Die Lebewesen haben Anteil an der Ewigkeit, indem sie mittels der Fortpflanzung ewig bestehen (GA II 1, 731b31-732a1).

Bearbeiten Biologie

Stellung der Biologie

Nicht nur in der Philosophiegeschichte, sondern auch in der Geschichte der Naturwissenschaften nimmt Aristoteles einen bedeutenden Platz ein. Ein großer Teil seiner ĂŒberlieferten Schriften ist naturwissenschaftlich, von denen die bei weitem bedeutendsten und umfangreichsten die biologischen Schriften sind, die fast ein Drittel des ĂŒberlieferten Gesamtwerks umfassen. Vermutlich in Arbeitsteilung wurde die Botanik von seinem engsten Mitarbeiter Theophrast, die Medizin von seinem SchĂŒler Menon bearbeitet.

Aristoteles vergleicht das Studium unvergĂ€nglicher Substanzen (Gott und Himmelskörper) und vergĂ€nglicher Substanzen (der Lebewesen). Beide Forschungsgebiete haben ihren Reiz. Die unvergĂ€nglichen Substanzen, die höchsten ErkenntnisgegenstĂ€nde zu untersuchen, bereiten zwar die grĂ¶ĂŸte Freude, aber das Wissen ĂŒber Lebewesen ist leichter zu erlangen, da sie uns nĂ€her stehen. Er betont den Wert der Erforschung auch niederer Tiere und weist darauf hin, dass auch diese etwas NatĂŒrliches und Schönes zeigen, das sich nicht in ihren zerlegten Bestandteilen erschöpft, sondern erst durch die TĂ€tigkeiten und das Zusammenwirken der Teile hervortritt (PA I 5, 645a21-645b1).

Aristoteles als empirischer Forscher

Aristoteles hat selbst empirische Forschung betrieben, jedoch vermutlich nicht Experimente im − erst in der neuzeitlichen Naturwissenschaft eingefĂŒhrten − Sinne einer methodischen Versuchsanordnung angestellt.

Sicher ist, dass er selbst Sezierungen vornahm. Einem Experiment am nĂ€chsten kommt die in festgelegten zeitlichen AbstĂ€nden wiederholte Untersuchung von befruchteten HĂŒhnereiern, mit dem Ziel zu beobachten, in welcher Reihenfolge die Organe entstehen (GA VI 3, 561a6-562a20). Experimente sind jedoch in seiner eigentlichen DomĂ€ne – der deskriptiven Zoologie – auch nicht das wesentliche Instrument der Forschung. Neben eigenen Beobachtungen und einigen wenigen Textquellen stĂŒtzte er sich hier auch auf Informationen von einschlĂ€gig BerufstĂ€tigen wie Fischern, BienenzĂŒchtern, JĂ€gern und Hirten. Er ließ die Inhalte seiner Textquellen teilweise empirisch ĂŒberprĂŒfen, ĂŒbernahm aber auch unkritisch fremde IrrtĂŒmer. Ein verlorenes Werk bestand vermutlich großenteils aus Zeichnungen und Diagrammen von Tieren.

Bearbeiten Methodologie der Biologie: Trennung von Fakten und Ursachen

Aufgrund des lange vorherrschenden Interpretationsmodells der Wissenschaftstheorie des Aristoteles und der VernachlĂ€ssigung der biologischen Schriften, ging man frĂŒher davon aus, dass er diese Theorie nicht auf die Biologie angewendet hat. DemgegenĂŒber wird heute durchaus angenommen, dass seine Vorgehensweise in der Biologie von seiner Wissenschaftstheorie beeinflusst war, wenngleich Umfang und Grad umstritten sind.

Faktensammlungen

Von Aristoteles ist keine Beschreibung seines naturwissenschaftlichen Vorgehens ĂŒberliefert. Erhalten sind neben der allgemeinen Wissenschaftstheorie nur Texte, die ein Endprodukt der wissenschaftlichen Forschung darstellen. Die biologischen Schriften sind in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, die der Vorgehensweise entspricht.

Die erste Schrift (Historia animalium) beschreibt die verschiedenen Tierarten und ihre spezifischen Differenzen. Sie bietet die Sammlung des Faktenmaterials wie z. B., dass alle Lebewesen mit Lungen Luftröhren aufweisen. Dabei wird nicht erörtert, ob etwas notwendig oder unmöglich so sei. In der Faktensammlung ordnet Aristoteles die Lebewesen nach verschiedenen Einteilungsmerkmalen wie blutfĂŒhrend, lebendgebĂ€rend usw. Nach Merkmalen geordnet stellt er allgemeine Relationen zwischen verschiedenen Aspekten der Beschaffenheit fest. So bemerkt er beispielsweise: Alle VierfĂŒĂŸler, die lebendgebĂ€rend sind, weisen Lungen und Luftröhren auf (HA II 15, 505b32f.). Erst die an dieses Werk anschließenden und darauf aufbauenden Schriften De generatione animalium (Über die Entstehung der Tiere) und De partibus animalium (Über die Teile der Tiere) befassen sich mit den Ursachen, welche die Fakten erklĂ€ren.

Ursachenwissen

Die Faktensammlung ist die Voraussetzung dafĂŒr, Wissen auf der Grundlage von Ursachenkenntnis zu erreichen. Zentral fĂŒr die Biologie sind dabei finale Ursachen, die den Zweck der Bestandteile des Körpers angeben. Die Ursache fĂŒr die Existenz einer Luftröhre bei allen Lebewesen, die eine Lunge besitzen, besteht fĂŒr Aristoteles in der Funktionsweise der Lunge. Die Lunge kann – anders als der Magen – nicht unmittelbar an den Mund anschließen, da sie eines zweigeteilten Kanals bedarf, so dass Einatmen und Ausatmen auf optimale Weise möglich ist. Da dieser Kanal eine gewisse LĂ€nge aufweisen muss, haben alle Lebewesen mit Lunge einen Hals. Fische haben daher keinen Hals, weil sie keine Luftröhre benötigen, da sie mit Kiemen atmen (PA III 3, 664a14–34).

Finale Ursachen in der Biologie

Die Verwendung finaler ErklĂ€rungen in der Biologie (und auch anderen Forschungsgebieten des Aristoteles) ist insbesondere in der FrĂŒhen Neuzeit und bis ins 20. Jahrhundert vielfach kritisiert worden. Unter finalen ErklĂ€rungen oder Ursachen versteht Aristoteles hier allerdings in der Regel keine ĂŒbergreifenden Zwecke, die etwa eine bestimmte Spezies hĂ€tte. Ihm geht es vielmehr um eine interne Funktionsbestimmung der Organismen und ihrer Teile.

Bearbeiten Inhalte der Zoologie

Aristoteles hat ĂŒber 500 Spezies untersucht. Seine Schriften behandeln systematisch die inneren und Ă€ußeren Teile der einzelnen Tiere, Bestandteile wie Blut und Knochen, Arten der Fortpflanzung, die Nahrung, den Lebensraum und das Verhalten. Er beschreibt das Verhalten von Haustieren, exotischen Raubtieren wie dem Krokodil, Vögeln, Insekten und Meerestieren. Zu diesem Zweck ordnet er die Lebewesen.

Einteilung der Arten

Aristoteles unterscheidet zwei Hauptgruppen von Lebewesen: blutfĂŒhrende und blutlose Tiere. Dies entspricht der Einteilung in Vertebraten und Invertebraten. Diese ordnet er nach grĂ¶ĂŸten Gattungen:

  • BlutfĂŒhrende Tiere:

Vermutlich war es nicht Aristoteles’ Absicht, eine vollstĂ€ndige Taxonomie zu schaffen. Das System einer Taxonomie ist fĂŒr ihn auch kein Hauptgegenstand. Ziel seiner Untersuchungen war eher eine Morphologie, eine Klassifikation der Lebewesen anhand charakteristischer Merkmale. So hat er die Gattungen zwischen den genannten sowie Untergattungen nicht terminologisch fixiert.

Beispiel einer Beschreibung. Der Krake

„Der Krake benutzt seine Fangarme sowohl als FĂŒĂŸe wie auch als HĂ€nde. Er nimmt die Nahrung mit den beiden auf, welche ĂŒber seinem Mund liegen, und der letzte seiner Fangarme, der spitz zulĂ€uft als einziger weißlich und an der Spitze gegabelt ist (er rollt sich zur rhachis hin ab – die rhachis ist die glatte OberflĂ€che, die der mit SaugnĂ€pfen besetzen gegenĂŒberliegt), dient zur Fortpflanzung. Vor dem Mantel und ĂŒber den Fangarmen verfĂŒgt er ĂŒber eine hohle Röhre, wodurch er das Meereswasser entlĂ€ĂŸt, das in den Mantel fließt, wann immer er etwas mit dem Mund aufnimmt. Er bewegt diese Röhre nach rechts und links und stĂ¶ĂŸt Tinte durch sie aus. Er schwimmt in schiefer Lage in Richtung des sogenannten Kopfes, und streckt dabei seine FĂŒĂŸe aus. Und wenn er auf diese Weise schwimmt, kann er nach vorne sehen und hat seinen Mund hinten. Solange das Tier lebt, ist der Kopf hart und gleichsam als wĂ€re er aufgeblasen. Es ergreift und hĂ€lt die Dinge mit der Unterseite seiner Fangarme fest, und die Haut zwischen seinen FĂŒĂŸen ist ganz gespannt. Wenn es auf Sand gerĂ€t, kann es sich nicht lĂ€nger festhalten.“

– HA IV 1, 524a3-20 [36]

Aristoteles und die Erkenntnisse der modernen Biologie

In vielen FĂ€llen hat sich Aristoteles als Biologe geirrt. Einige seiner IrrtĂŒmer erscheinen reichlich kurios, wie die Beschreibung des Bisons, das sich „durch Ausschlagen und Ausstoßen seines Kots, welchen es bis siebeneinhalb Meter weit von sich schleudern kann, verteidigt“ (HA IX 45, 630b8f.).[37] Offenbar war seine Informationsquelle ĂŒber dieses exotische Tier nicht sehr verlĂ€sslich. Weitere bekannte IrrtĂŒmer sind unter anderem die Behauptung, der Mann habe mehr ZĂ€hne als die Frau (HA II 3, 501b19), das Gehirn sei ein KĂŒhlorgan und das Denken geschehe in der Herzgegend (PA II 7, 652b21-25; III 3, 514a16-22).

Aristoteles hat aber auch auf der Grundlage seiner Beobachtungen Einsichten gewonnen, die nicht nur zutreffen, sondern die erst in der Moderne wiederentdeckt oder bestĂ€tigt worden sind. Beispielsweise erwĂ€hnt er bei der Beschreibung des angefĂŒhrten Kraken, dass die Paarung durch einen Fangarm des MĂ€nnchens geschieht, der gegabelt ist – die so genannte Hektokotylisation –, und beschreibt diesen Fortpflanzungsvorgang (HA V 5, 541b9-15; V 12, 544a12; GA V 15, 720b33). Dieses PhĂ€nomen war bis ins 19. Jahrhundert nur durch Aristoteles bekannt; die genaue Art der Fortpflanzung wurde erst 1959 vollstĂ€ndig verifiziert.

Bedeutender noch ist seine Hypothese, nach der die Teile eines Organismus in einer hierarchischen Ordnung ausgebildet werden und nicht – wie die (bereits von Anaxagoras vertretene) PrĂ€formationslehre annimmt – vorgebildet sind (GA 734a28-35). Diese Auffassung von der embryonalen Entwicklung ist in der Neuzeit unter der von Aristoteles noch nicht verwendeten Bezeichnung Epigenesis bekannt geworden. Ihre empirische Grundlage waren fĂŒr Aristoteles seine Sezierungen. Die PrĂ€formationslehre war dennoch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die allgemein akzeptierte Theorie, bis Caspar Friedrich Wolff unter Einsatz von Mikroskopen keine PrĂ€formation nachweisen konnte. EndgĂŒltig wurde erst im 20. Jahrhundert in der Experimentalbiologie durch Hans Driesch und Hans Spemann bestĂ€tigt, dass die embryonale Entwicklung eine Kette von Neubildungen, ein epigenetischer Prozess ist.[38] Ferner gibt es eine Analogie zwischen der aristotelischen zielhaften Epigenesis und der Genetik.[39]

Bearbeiten Psychologie: Theorie des Lebendigseins

Ausgangssituation

Lebewesen unterscheiden sich von anderen natĂŒrlichen und kĂŒnstlichen Objekten dadurch, dass sie lebendig sind. Bei Homer ist die Seele (psychĂȘ) das, was einen Leichnam verlĂ€sst. Im Laufe des 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. findet der Begriff zunehmend eine deutliche Ausweitung: beseelt (empsychos) zu sein bedeutet lebendig zu sein und das Konzept Seele weist nun auch kognitive und emotionale Aspekte auf. Aristoteles nimmt diesen Sprachgebrauch auf. In seiner Seelentheorie ist er mit zwei Positionen konfrontiert: zum einen mit dem Materialismus