Die Naturwissenschaften befassen sich mit der unbelebten und belebten Natur, versuchen diese zu beschreiben und zu erklĂ€ren. Die traditionellen Gebiete der Naturwissenschaften â Physik, Chemie und Biologie â prĂ€gen auch heute noch nachhaltig das verbreitete Bild der Naturwissenschaften. In der Gegenwart wird der Begriff Naturwissenschaften jedoch deutlich weiter gezogen.
Bearbeiten Einordnung als Wissenschaft
Die Naturwissenschaften stehen nach traditioneller Auffassung den Geistes- und Sozialwissenschaften gegenĂŒber. Allerdings ist diese ausschlieĂliche Zweiteilung der Wissenschaften in zwei groĂe Kategorien heute weitgehend nicht mehr begriffliche Grundlage: Als prominentestes Beispiel fĂŒr eine Wissenschaft, die weder als Natur- noch als Geisteswissenschaft einzuordnen ist, gilt die Mathematik neben der Informatik, die den Strukturwissenschaften zugeordnet werden. Mit dem Begriff der Humanwissenschaften werden die zunehmend frĂŒheren Unterscheidungen zwischen Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften einerseits und den Naturwissenschaften andererseits relativiert.
Bearbeiten Prinzipien der Naturwissenschaften
Heute definieren sich die Naturwissenschaften ĂŒber ihre Methoden und den Wissenschaftsprozess. Es werden Hypothesen gebildet und systematische Experimente durchgefĂŒhrt, um diese Hypothesen zu ĂŒberprĂŒfen. Die Hypothesen werden möglichst prĂ€zise formuliert, was in der Praxis heiĂt, dass die Hypothese als mathematisches Modell formuliert wird. âMathematisches Modellâ darf hierbei nicht zu eng verstanden werden, denn neben der klassischen Differentialgleichung können solche Modelle statistische Natur haben und entsprechend formuliert werden, oder es kann sich um AblĂ€ufe handeln, die als Graphen dargestellt werden. Die Hypothese (= Modell) muss kausal und nachprĂŒfbar sein. Die Hypothese sollte bekannte PhĂ€nomene erklĂ€ren und, idealer Weise, neue PhĂ€nomene vorhersagen oder mehr PhĂ€nomene erklĂ€ren als die bekannten Modelle. Ist die Hypothese erfolgreich (âsie bewĂ€hrt sichâ) wird ihr im Laufe der Zeit immer mehr Vertrauen entgegengebracht. BewĂ€hrte Hypothesen werden oft auch als Theorie bezeichnet. Theorien, die lange Zeit und in verschiedenen Gebieten ihre Tests immer wieder bestanden haben, werden auch Naturgesetz genannt. HĂ€ufig haben sogenannte Naturgesetze aber weitere Attribute, die wissenschaftstheoretisch nur schwierig exakt zu fassen sind. Zu diesen gehören Einfachheit, groĂer Geltungsbereich, elegante mathematische Formulierung und hoher ErklĂ€rungswert. ErklĂ€rungswert heiĂt, dass die Theorie möglichst wenig freie Parameter enthĂ€lt, die erst durch Messungen und Experimente bestimmt werden mĂŒssen. Als Beispiele fĂŒr weithin anerkannte Naturgesetze können der Energieerhaltungssatz und die RelativitĂ€tstheorie angefĂŒhrt werden. Dagegen wĂŒrde man das eigentlich sehr erfolgreiche Standardmodell der Elementarteilchenphysik noch nicht als âNaturgesetzâ bezeichnen, denn es mangelt ihm an ErklĂ€rungswert, da es mindestens 19 freie Parameter hat, die durch Messung und Experiment bestimmt werden mĂŒssen.
Bearbeiten Die drei klassischen Naturwissenschaften Physik â Chemie â Biologie
- Physik: Die Physik (griechisch ÏÏ ÏÎčÎșÎź, physike âdie NatĂŒrlicheâ) ist die grundlegendste der Naturwissenschaften. Sie beschreibt elementare Gebiete der Natur und deren ZusammenhĂ€nge, zum Beispiel KrĂ€fte und die Bewegung von Körpern, aber auch komplexe ZusammenhĂ€nge wie die Dynamik von Raum und Zeit oder den Atombau. Die Astronomie gehört auch zur Physik, wird aber auch hĂ€ufig als eigenstĂ€ndige Naturwissenschaft gesehen.
- Chemie: Die Chemie (von arabisch al-kimiya', dieses von griechisch ÏÎ·ÎŒÎ”ÎŻÎ±, chemeia) ist die Lehre von den Elementen und ihren Verbindungen. Sie beschreibt deren Eigenschaften, Verhalten und ihre VerĂ€nderung. Zu einer tiefergehenden ErklĂ€rung dieser VorgĂ€nge greift sie auf die Physik zurĂŒck.
Die Chemie und die Physik gehören neben der Astronomie und den Geowissenschaften zu den exakten Naturwissenschaften, die sich ausschlieĂlich mit der unbelebten Materie befassen.
- Biologie: Die Biologie (griechisch ÎČÎŻÎżÏ, bĂos Leben und λÏγοÏ, lĂłgos Lehre) befasst sich mit lebenden Organismen, angefangen bei den kleinsten Organismen wie Bakterien bis hin zum Menschen. Sie baut dabei einerseits auf Erkenntnisse der Chemie auf und beschreibt und erklĂ€rt die stofflichen VorgĂ€nge in lebenden Organismen. Andererseits formuliert sie ĂŒbergreifende Gesetze ĂŒber die Entwicklung, die Lebensweise und Fortpflanzung und andere VorgĂ€nge und Erscheinungen.
Bearbeiten Die ĂbergĂ€nge der drei klassischen Naturwissenschaften
Die ĂbergĂ€nge zwischen Chemie und Biologie sind die, wo die Biologie nicht mehr alleine mit biologischen Prozessen erklĂ€rbar ist, wie z.B. auf Ebene der DNA und allem was damit geschieht. Hier zeigt sich ein klarer Ăbergang der beiden Naturwissenschaften. Es muss auf die komplexen chemischen Verbindungen eingegangen werden, um biologisch zellulĂ€re VorgĂ€nge erklĂ€ren zu können.
Analog dazu finden sich die ĂbergĂ€nge zwischen Physik und Chemie auf der subelementaren Ebene, wo sich die Eigenschaften der chemischen Elemente allein durch deren Atomstruktur und -Anordnung erklĂ€ren lassen. Die Grundlage dafĂŒr bildet der Bereich der Atom- und Teilchenphysik.
Es gibt ebenfalls ĂbergĂ€nge von der Biologie zur Physik, z.B. bei der Betrachtung statischer Problemstellungen wie dem Skelettbau, fluid-dynamischer Prozesse (z.B. der Blutdruckmessung), oder elektro-physiologischer VorgĂ€nge wie der neuronalen Erregungsleitung.
Bearbeiten Weitere Wissenschaftszweige
Die Naturwissenschaften schaffen die Grundlage fĂŒr weitere Wissenschaftsbereiche, wie z. B. die Geowissenschaften, die Medizin, die Pharmazie und die Werkstoffwissenschaft.
Bearbeiten Heutige Auffassung von den exakten Wissenschaften
Der oben beschriebene Prozess wird auch in anderen Wissenschaftsgebieten angewendet, die nicht zu den klassischen Naturwissenschaften zĂ€hlen oder zu den Naturwissenschaften aus der erweiterten Aufstellung im Artikel Wissenschaft zĂ€hlen. Diese erhalten im angelsĂ€chsischen ĂŒblicherweise den Zusatz âScienceâ. Eine Eins-zu-Eins-Ăbersetzung ins Deutsche ist nicht ĂŒblich, gelegentlich wird der Begriff der âExakten Wissenschaftâ verwendet. Als Beispiel sei die Psychologie genannt, die weitgehend mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitet.
Bearbeiten Literatur
Bearbeiten Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie
- Zeitschrift Philosophia naturalis. Archiv fĂŒr Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte, Klostermann, Frankfurt/M. 1. (1950/52) ff.
- Karl Popper: Logik der Forschung, Mohr Siebeck, 2005, ISBN 3-16-148410-X
- Karl Popper: Objektive Erkenntnis, Hoffmann und Campe 1998, ISBN 3-455-10306-5
- Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2003, (stw; Bd. 25) ISBN 3-518-27625-5
- Peter Mittelstaedt u.a. (Hrsg.): Was sind und warum gelten Naturgesetze?, Klostermann, Frankfurt/M. 2000, (Philosophia naturalis; Bd. 37,2) ISBN 3-465-03118-0
- Erwin Schrödinger: Was ist ein Naturgesetz? BeitrĂ€ge zum naturwissenschaftlichen Weltbild, Oldenbourg, MĂŒnchen 1997, ISBN 3-486-46275-X (Scientia Nova).
- Thomas Dickert: Naturwissenschaften und Forschungsfreiheit.Duncker & Humblot,Berlin 1991,ISBN 3-428-07081-X.
â siehe auch die jeweiligen Hauptartikel Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie und der Einzelwissenschaften (Philosophie der Physik usw.)
Bearbeiten PopulÀre Literatur
- Ganten, Deichmann, Spahl: Naturwissenschaft. Alles, was man wissen muss, dtv Oktober 2005, ISBN 3-423-34237-4
- Gregor Markl: Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften - VerbĂŒndete, nicht Kontrahenten, in: Florian Keisinger u.a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente fĂŒr eine ĂŒberfĂ€llige Debatte, Campus Verl., Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-593-37336-X
Bearbeiten Geschichte der Naturwissenschaften
- Heinrich Behrens, Irmgard Lankenau: Wissenschaftswachstum in wichtigen naturwissenschaftlichen Disziplinen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 29(2), S. 89 - 108 (2006), ISSN 0170-6233
- Alistair C. Crombie: Von Augustinus bis Galilei, Köln-Berlin 1964, Ăbers. von The History of Science. From Augustine to Galileo, New York 1995 (1. A. 1959)
- St. F. Mason: Geschichte der Naturwissenschaften, Stuttgart 1991.
- R.C. Olby, G.N. Cantor, J.R.R. Christie, M.J.S. Hodge (Hgg.): Companion to the History of Modern Science, London-New York 1990.
- George Sarton: Introduction to the History of Science, 3 Bde, 1927-47.
- George Sarton: A History of Science, 2 Bde, Cambridge/MA 1959-60.
- Michel Serres: Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt 1994, Ăbers. von ĂlĂ©ments dâhistoire des sciences, Paris 1989.
- Lynn Thorndike: A History of Magic and Experimental Science, 8 Bde., New York 1923-58.
- Ph. P. Wiener, A. Noland (Hgg.): Roots of Scientific Thought. A Cultural Perspective, New York 1957
Bearbeiten Siehe auch
- Wissenschaft
- Wissenschaftssoziologie
- Geschichte der Astronomie
- Natur
- Experiment
- Sozialwissenschaften
