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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Dieser Artikel behandelt die historische Landschaft Ostfriesland. Für den geografischen Raum der ostfriesischen Halbinsel, siehe Ost-Friesland, für das Großkampfschiff der Kaiserlichen Marine siehe SMS Ostfriesland.
Karte Ostfrieslands
Ostfriesische Flagge mit Wappen

Ostfriesland (Ostfriesisches Plattdeutsch: Oostfreesland) ist eine Region in Niedersachsen im äußersten Nordwesten der Bundesrepublik Deutschland. Sie besteht aus den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden. [1][2] Ostfriesland liegt an der Nordseeküste und umfasst neben dem Festland auch die Ostfriesischen Inseln Borkum, Lütje Hörn, Memmert, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog.

Kommunalpolitisch ist die Region ein Landschaftsverband. Dort leben ungefähr 465.000 Menschen auf 3144,26 Quadratkilometern. Die Region ist damit im Vergleich zum Bundesdurchschnitt dünn besiedelt. Prägend für Ostfriesland ist, dass es nicht von einer größeren Stadt dominiert wird. Vielmehr sind es die fünf Mittelstädte Emden, Aurich, Leer, Norden und Wittmund sowie fünf Kleinstädte und eine Vielzahl von Dörfern, die die Struktur Ostfrieslands bestimmen. Das heutige Gebiet entspricht bis auf kleinere Arrondierungen dem Gebiet des früheren Fürstentums Ostfriesland, das bis 1744 bestand.

Die Region war über Jahrhunderte von der Landwirtschaft, der Fischerei und − besonders in den wenigen Städten − vom Handel geprägt. Dazu zählte in den Hafenstädten insbesondere der Seehandel. Deichbau und Melioration haben die landwirtschaftliche Nutzung weiter Teile der zuvor von der Tide beeinflussten Marsch und der Moore erst möglich gemacht. Inzwischen haben der Tourismus, vor allem auf den Inseln und in vielen Küstenorten, sowie einige industrielle Kerne hohe Bedeutung für die regionale Wirtschaft erlangt. Gleichwohl nimmt die Landwirtschaft auch weiterhin eine starke Stellung ein – kulturräumlich und auch wirtschaftlich. Trotz wirtschaftlicher Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten gilt Ostfriesland als strukturschwache Region mit einer großen Abhängigkeit von einigen wenigen Branchen und einer kleinen Zahl größerer Unternehmen.

Durch die Jahrhunderte währende, landseitige relative Isolation durch große Moore im Süden Ostfrieslands bei gleichzeitiger Hinwendung zur See hat die Region innerhalb Deutschlands eine teilweise recht eigenständige Entwicklung genommen. Dies zeigt sich noch heute, etwa in kulturellen Belangen oder im politischen Raum, bei Bemühungen, ostfrieslandweite Institutionen zu erhalten und, wo möglich und sinnvoll, nicht mit Institutionen außerhalb Ostfrieslands zu verschmelzen. Der Landstrich gilt als eine der Hochburgen der plattdeutschen Sprache: Schätzungsweise 50 Prozent der Einwohner sprechen noch Ostfriesisches Platt.

Inhaltsverzeichnis

Bearbeiten Geografie

Bearbeiten Lage und Gebiet

Niedersächsische Nordseeküste und regionale Bezeichnungen
Ostfriesland, Satellitenaufnahme

Ostfriesland liegt an der Nordseeküste und ist die nordwestlichste Region Deutschlands. Im Allgemeinen wird unterschieden zwischen Ostfriesland im historisch-politischen Sinne (um das es im vorliegenden Artikel geht) und dem geografischen Begriff Ostfriesland, der weiter gefasst ist (siehe dazu den Artikel Ost-Friesland). Das Ost in Ostfriesland bezieht sich darauf, dass es im östlichen Teil des alten Friesland liegt − im Gegensatz zum Westfriesland genannten Teil (der Provinz Fryslân und der Region Westfriesland in den Niederlanden). Neben diesen beiden Frieslanden gibt es das als Nordfriesland bezeichnete Gebiet im nordwestlichen Schleswig-Holstein, das jedoch außerhalb der im Heiligen Römischen Reich als Friesland bezeichneten Territorien liegt.

Ostfriesland umfasst die kreisfreie Stadt Emden sowie die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund. Diese bilden – von kleineren Grenzkorrekturen abgesehen – das Gebiet des ehemaligen Fürstentums Ostfriesland (1464−1744), das als Regierungsbezirk Aurich innerhalb Preußens, dann Hannovers, wiederum Preußens und später Niedersachsens bis 1978 fortbestand. Die Einwohner dieses Landstrichs sind die einzigen, die sich noch als Ostfriesen bezeichnen. Zudem sind die Stadt und die drei Kreise das Gebiet, das von der Ostfriesischen Landschaft, dem „Kulturparlament“ der Ostfriesen, betreut wird.

Ostfriesland wird begrenzt von den drei oldenburgischen Landkreisen Friesland (Grenze ist die sogenannte Goldene Linie), Ammerland und Cloppenburg im Osten sowie dem Landkreis Emsland im Süden. Im Westen grenzt Ostfriesland an die Niederlande, im Norden an die Nordsee. Dem Festland vorgelagert sind die Ostfriesischen Inseln, von denen sieben bewohnt sind. Wangerooge und die Minsener Oog zählen dabei historisch zum Oldenburger Land.

Ostfriesen fühlen sich als Teil der friesischen Kultur – als Friesen, die in den Nationalstaaten der Niederlande und Deutschlands an der Nordseeküste wohnen. Zur Sektion Ost des Friesenrates gehören daher neben Ostfriesland, dem Oldenburger Friesland und dem Saterland auch die Landstriche Butjadingen (Landkreis Wesermarsch) und Land Wursten (zwischen Bremerhaven und Cuxhaven).

Die Moore im Süden bedingten eine ausgeprägte Isolierung und zugleich eine Hinwendung zur See. Vor allem in kulturellen, aber auch in politischen Belangen zeigt sich dies nicht nur im Bemühen um den Erhalt historisch gewachsener Strukturen, sondern auch in einem Festhalten an organisatorischen Abgrenzungen zum Umland. An diesem ausgeprägten Eigenbewusstsein scheiterte etwa der Zusammenschluss der Landkreise Wittmund und Friesland im Zuge der niedersächsischen Landkreisreform zum 1. August 1977 – jedoch „beiderseitig“. Der Landkreis hieß Friesland, Kreisstadt war Wittmund. Nach Klagen vor dem Staatsgerichtshof in Bückeburg wurde der Zusammenschluss zum 1. Januar 1980 zurückgenommen. Auch in der Polizeiorganisation – der Landkreis Wittmund wurde 2005 der Polizeiinspektion in Wilhelmshaven und damit der Polizeidirektion in Oldenburg zugeschlagen, während die Kreise Aurich und Leer sowie die Stadt Emden zwei weitere Polizeiinspektionen innerhalb der Polizeidirektion Osnabrück bildeten – ließ sich eine übergreifende Gliederung nicht durchsetzen. Die Regelung wurde 2007 nach vielerlei Bitten und politischen Interventionen zurückgenommen, der Kreis Wittmund der Polizeiinspektion Aurich angeschlossen.

Bearbeiten Landschaftsformen

Dem Festland ist eine die Inselkette der Ostfriesischen Inseln vorgelagert. Sie erstreckt sich über rund 90 Kilometer Länge von West nach Ost von der Emsmündung mit dem Dollart bis zur Mündung der Jade in den Jadebusen. Die Inseln sind jeweils durch Seegats voneinander getrennt, aber durch die vor diesen Seegats liegenden Riffbögen miteinander verbunden. Zwischen den Inseln und dem Festland befindet sich ein ausgedehnter Wattbereich, der über ein weit verzweigtes Flusssystem von Rinnen, Prielen und Baljen (schiffbare Priele) im Gezeitenrhythmus von Meerwasser überflutet wird und wieder trocken fällt. Die Inseln, das umgebende Watt sowie das den Inseln vorgelagerte Küstenmeer (Naturschutzgebiet "Küstenmeer vor den ostfriesischen Inseln") stehen in einer engen ökologischen Beziehung. Die Inselkette ist Teil des größten und global bedeutsamen Nordsee-Wattenmeeres, das sich von Den Helder (Niederlande) über die niedersächsische, hamburgische und schleswig-holsteinische Küste bis nach Esbjerg (Dänemark) erstreckt und in verschiedenen Nationalparke aufgeteilt ist.[3] Ostfriesland hat innerhalb dessen mit seiner Küste und den Inseln einen wesentlichen Anteil am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die Unterschutzstellung des deutsch-niederländischen Teils des Wattenmeers als Weltnaturerbe wurde im Januar 2008 beantragt[4].

Die Ostfriesischen Inseln liegen am Rande des Festlandssockels. Sie sind keine Festlandsreste, sondern geologisch sehr junge Gebilde aus einem Strand- und Dünenwall. Dieser grenzte zur Zeitenwende das Wattenmeer zur offenen See ab. Die heutige Kette der Sandinseln vor der südlichen Nordsee von Texel bis Mellum ist im Gegensatz zu den Nordfriesischen Inseln auf altem, untergegangenem und mit marinen Sedimenten überlagertem Festland entstanden. Das Insel-Watt-System ist ein sehr dynamisches System und ständigen Veränderungen unterworfen, das sich vor allem in der Veränderung der Gestalt und Lage der Inseln äußert.[5][6] Seewärts finden sich auf den Inseln Sandstrände. Durch Strömung, Wellenschlag und Wind bilden sich zunächst Primärdünen, die sich zu bis zu 20 Meter hohen Weißdünen weiterentwickeln. Es schließen sich Dünenbereiche aus älteren Grau- und Braundünen an. Darauf folgen Marschen und Salzwiesen, regional auch als „Heller“ bezeichnet, die schließlich in das Watt zwischen Inselkette und Festland übergehen. Salzwiesen werden noch gelegentlich bei besonders hohen Wasserständen überflutet. Sie sind durch spezifische Pflanzenwelt aus Salzpflanzen (Halophyten) geprägt . Als erste Pionierpflanze siedelt sich meist der Europäische Queller an (Quellerzone). Die oberen und unteren Salzwiesen werden teils extensiv beweidet, teils werden sie der natürlichen Sukzession überlassen. An der Festlandküste sind stellenweise vor den Deichen noch natürliche Salzwiesen entwickelt.[3]

Vor mehr als tausend Jahren begannen die Bewohner, sich durch Deiche zu schützen. Dennoch kam es bei großen Flutkatastrophen immer wieder zu erheblichen Landverlusten. Im Gegenzug versuchte man, Neuland aus dem Meer zu gewinnen, und es entstanden Polder. Die erfolgreichen Eindeichungen führten aber auch zu großen Verlusten natürlicher Salzwiesen, die sich aufgrund der eingeschränkten Dynamik nicht mehr in vollem Ausmaß bilden konnten.

Ohne Deiche würden weite Teile Ostfrieslands, vornehmlich die Marschen und die Moore an den Außenrändern des ostfriesisch-oldenburgischen Geestrückens, zweimal täglich von den Fluten der Nordsee überspült. Für die Unterhaltung der Deiche im Rahmen des Küstenschutzes sind mehrere Deichachten zuständig, die jeweils Abschnitte des Deichbandes unter ihrer Aufsicht haben. Aus topografischen Gründen stellt jedoch auch das Wasser innerhalb des Deichbandes ein Problem dar: Wegen des kaum ausgeprägten Gefälles muss Niederschlag über mit Schöpfwerken ausgestattete Siele und bei Schleusungen vom Schiffen und Booten in die Ems und ihre Nebenflüsse beziehungsweise direkt in die Nordsee geleitet werden. Bei Ebbe kann dies durch natürlichen Sielzug geschehen. Ist es jedoch nötig, auch bei Flut zu entwässern, kommen Pumpen zum Einsatz. Bei besonders ergiebigen Regenfällen kommt es fallweise auch vor, dass Entwässerungsgräben (in Ostfriesland Schloote genannt) sowie Kanäle und kleinere Flüsse (in Ostfriesland zumeist Tief genannt) über die Ufer treten, weil die Pumpenleistungen nicht ausreichen oder es zu anderen Störungen im Entwässerungsnetz gekommen ist. Für die Entwässerung sind Entwässerungsverbände, örtlich auch Sielachten genannt, zuständig.

Der Küstenraum des Festlandes ist Marschland, das weiter landeinwärts in Niedermoore, Geest und Hochmoore übergeht. An Hochmoorresten ist insbesondere das Gebiet um das Ewige Meer bei der nach ihm benannten Ortschaft Eversmeer hervorzuheben. Es gilt als der größte Hochmoorsee Deutschlands. Dieser und Reste der ehemals großen Hochmoore sowie darin gelegene kleinere Moorseen wie das Lengener Meer sind heute Schutzgebiete. Durch Wiedervernässungsmaßnahmen soll der ursprüngliche Charakter wieder hergestellt werden, nachdem diese Flächen über lange Zeit stark entwässert und schließlich verbuscht waren. Die Altmoränenlandschaft der Geest zeichnet sich durch vorwiegend sandiges Geschiebematerial der Saaleeiszeit aus und ist weitgehend als land- oder (in geringem Umfang) forstwirtschaftliche Fläche kultiviert.

Nach Auflösung der Allmende entstand dank der den Bauern auferlegten Pflicht, ihre Parzellen abzugrenzen und das Ausbrechen des Weideviehs zu verhindern, die typische Wallheckenlandschaft mit kleinen Weideflächen, die von busch- und baumbestandenen Erdwällen umgeben sind. Deren Zugangsöffnungen werden mit den ebenso typischen, grob gezimmerten Holztoren (Plattdeutsch: hek) verschlossen. Inzwischen weicht allerdings das Holz zunehmend Stahl. Die kleineren Parzellen dienen meist der Viehhaltung, während auf größeren Parzellen, auf denen der Maschineneinsatz lohnend ist, auch Pflanzenanbau betrieben wird.

Zu den größeren Waldgebieten gehören der Heseler Wald (Samtgemeinde Hesel), der Ihlower Forst (Gemeinde Ihlow), der Karl-Georgs-Forst (Friedeburg), der Egelser Wald und der Meerhusener Wald (beide Stadt Aurich). In den Samtgemeinden Hage und Esens befinden sich nennenswerte Waldareale, die nur wenige Kilometer hinter der Küstenlinie liegen.

Weiterhin gibt es in Ostfriesland eine größere Anzahl natürlicher (Niedermoor-)Seen, deren größter das Große Meer bei Bedekaspel (Südbrookmerland) ist. Neben den bereits genannten Seen befinden sich noch weitere in Ostfriesland, insbesondere im Städtedreieck Emden-Aurich-Leer, darunter die Hieve (Hinte) und das Sandwater (Ihlow).

Größter Fluss Ostfrieslands ist die Ems, nach Elbe und Weser der kleinste der drei Ströme, die in Deutschland in die Nordsee münden. Weitere Flüsse sind die Leda (Landkreis Leer), die bei Leerort in die Ems mündet, ihr Nebenfluss Jümme, sowie die Harle im Landkreis Wittmund, die in Harlesiel in die Nordsee fließt − allerdings durch ein Siel.

Ostfriesland ist zudem von einer Vielzahl kleinerer natürlicher Gewässerläufe durchzogen. Sie sind mit künstlich angelegten Kanälen oder den erwähnten Tiefs verbunden. Der längste künstliche Wasserlauf ist der Ems-Jade-Kanal. Weitere längere Kanäle sind der Ems-Seitenkanal zwischen Emden und Oldersum sowie der Nord- und der Südgeorgsfehnkanal. Am stärksten von Fehnkanälen durchzogen sind die Gemeinden Großefehn, Rhauderfehn und Ostrhauderfehn sowie die Stadt Wiesmoor, während die Kanäle in Emden, die keine Fehnkanäle sind, die längsten in den ostfriesischen Städten sind.

Der höchste natürliche Punkt ist eine Düne auf Norderney, die 22 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf dem Festland ist der höchste Punkt eine Wanderdüne im Naturschutzgebiet Hollsand in der Gemeinde Uplengen, die etwa 18,5 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Der tiefste Punkt liegt nahe der Nordseeküste in der Gemeinde Krummhörn. Hier liegt ein Teil des Freepsumer Meeres 2,5 Meter[7] unter dem Meeresspiegel. 1983 wurde dieser als tiefster Punkt Deutschlands in das Guinness-Buch der Rekorde eingetragen. Seit 1988 gilt jedoch eine Stelle (-3,54 m) in der Gemeinde Neuendorf-Sachsenbande in der Wilstermarsch in Schleswig-Holstein als tiefer gelegen.

Bearbeiten Flora und Fauna

Strandhafer auf einer Weißdüne
Moorbewohner: Wollgras
Heringsmöwe

An den Stränden der Inseln und der Küste werden Tang und Seegras angespült. In den Dünen der Inseln sind viele Arten von Strandpflanzen vorhanden. Zu den typischen Vertretern gehören Pionierpflanzen wie der Strandhafer auf Weißdünen sowie Sanddorn auf Braundünen. Auf letzteren breitet sich oft auch großflächig die Krähenbeere aus. Auf den höher gelegenen und bei Ebbe länger trocken fallenden Abschnitten des Watts siedelt sich als Pionierpflanze der Queller an.

Auf den Inseln finden sich an Säugetieren Wanderratten, Igel und oft in hohen Populationsdichten Kaninchen.[8] Im 19. Jahrhundert wurden Hasen, Rebhühner und Fasane ausgesetzt. Von diesen dreien hat sich lediglich der Hase den Insel-Bedingungen gut anpassen können.

Im Wattenmeer leben Seehunde und Kegelrobben. Das Watt bietet einer Vielzahl von Vogelarten Nahrung – in Form von Krebsen, Muscheln, Schnecken und Würmern wie zum Beispiel der Sandpier. Neben vielen Brutvögeln nutzen etwa zehn Millionen Zugvögel, darunter vor allem Watvögel wie der Knutt, Gänse und Enten das Wattenmeer. Das Watt ist für diese Vögel einer der wichtigsten Aufenthaltsorte auf ihrem bis Südafrika reichenden „Ostatlantischen Zugweg“. Viele von ihnen leben im Wattenmeer für einen Großteil des Jahres und füllen ihre Fettreserven für den kräftezehrenden Zug auf oder mausern sich wie beispielsweise die Brandgans. Die Insel Memmert ist mit rund 12.000 Brutpaaren der Silbermöwen die größte Kolonie dieser Art in Deutschland [9] und zudem der einzige bekannte Brutplatz für die Englische Heringsmöwe in Deutschland. Auch Kormorane leben sowohl auf den Inseln als auch im Binnenland.

Die Marsch ist – ebenso wie die Niederungsflächen am Rande der Geest – aufgrund der Eingriffe des Menschen in die Natur und der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung relativ artenarm. Es finden sich Hasen und Fasane, Feldmäuse und – in großer Zahl – Maulwürfe. In der Marsch ist unter den Entenarten die Stockente verbreitet. An den Binnengewässern finden sich auch weitere Entenarten, Gänse, Reiher und Schwäne. Zu den in den Binnengewässern vorkommenden Fischarten zählen Aal, Hecht, Barsch, Zander und Karpfen.[10]

Die Geest ist deutlich artenreicher als die Marsch. Zwischen Äckern und Grünlandflächen finden sich die Wallhecken, die günstigere Lebensbedingungen bieten als die Marsch. Dort sind viele Kleinvogelarten anzutreffen, aber auch Rebhuhn und Wachtel. Das Hochmoor hingegen dient nur wenigen Vogelarten als Lebensraum. Eine Ausnahme bildet das Birkhuhn. Dafür gibt es in den Hochmooren Moorfrösche, Eidechsen und Kreuzottern. In den wenigen Wäldern Ostfrieslands ist auch Damwild und Schwarzwild anzutreffen.

Bearbeiten Klima

Bodennebel in Ostfriesland

Ostfriesland liegt in der warmgemäßigten Zone mit ganzjährigen Niederschlägen. Nach der Klimaklassifikation von Köppen befindet es sich in der Einteilung Cfb (Klimazone C: Warm-Gemäßigtes Klima; Klimatyp Cf: Feucht-Gemäßigtes Klima; Klimauntertyp b: warme Sommer). Die Temperaturen sind aufgrund der Nähe zur Nordsee relativ ausgeglichen; die Sommer sind warm, häufig liegt die Höchsttemperatur über 20 Â°C, die 30 °C-Marke wird nur an wenigen Tagen überschritten. Die Winter sind im Allgemeinen mild und feucht mit sehr wenigen Eistagen,[11] leichter Frost ist aber jederzeit möglich. Nur selten gibt es Temperaturen unter −10 Â°C. Die Jahresmitteltemperatur liegt bei 8,4 Â°C im zentral gelegenen Aurich und 9 Â°C auf Norderney, wobei auf den Inseln die Temperaturen ausgeglichener sind. Durch den Speichereffekt des Meeres wird noch lange nach dem Hochsommer Wärme abgegeben. Die Temperaturen sind daher im Winter milder. In den Hochmoorgebieten im Landesinneren liegen die Temperaturen zumeist etwas niedriger als in der küstennahen Marsch.

Im Laufe des Jahres fallen im Mittel rund 800 mm Niederschlag, auf den Inseln weniger. Ostfriesland liegt damit rund 100 mm über dem deutschen Durchschnittswert. Der meiste Niederschlag fällt im Landesinneren in den Sommermonaten, vor allem im Juni und Juli. Auf den Inseln sind dagegen die Herbstmonate die niederschlagsreichsten. Die Zahl der Nebeltage mit Sichtweiten von weniger als einem Kilometer ist deutlich überdurchschnittlich: 35 Tage auf den Inseln, 45 Tage auf dem Festland – mit noch höheren Werten in den Hochmoorgegenden. Die Zahl der Schneetage im Jahr liegt zumeist im einstelligen Bereich. Trotz des überdurchschnittlichen Niederschlags und des oft auftretenden Nebels ist Ostfriesland relativ bewölkungsarm und sonnenreich. [12] Die Sonnenscheindauer liegt mit rund 1500 bis 1600 Stunden etwa im Mittel des nordwestdeutschen Raums, die Inseln liegen noch darüber.[12]

In Ostfriesland weht der Wind stärker und häufiger als im deutschen Durchschnitt. Zumeist kommt er aus westlichen Richtungen. Die mittlere Windgeschwindigkeit liegt auf dem Festland bei 5,5 bis 6 m/sec, auf den Inseln sogar bei 7,5 bis 8 m/sec. Sturm (Windgeschwindigkeit von mehr als 20 m/sec) tritt überdurchschnittlich häufig auf: Auf den Inseln an 30, auf dem Festland an 22 Tagen im Jahr.[12] An der Küste und auf den Inseln herrscht im Winterhalbjahr bei solchen Wetterlagen Sturmflutgefahr, besonders bei Winden aus Nordwest. Diese ist besonders groß, wenn zur Sturmlage noch die Springtide hinzukommt, die das Wasser ohnehin höher auflaufen lässt.

Die geringen Temperaturunterschiede, der stetige Wind sowie eine salz-, ozon- und jodreiche Luft von hoher Reinheit und Feuchte bilden das Reizklima, das Heilwirkungen hervorrufen kann. Hinzu kommen eine erhöhte Ultraviolett-Strahlung [12] und auf den Inseln eine überdurchschnittliche Sonnenscheindauer.

Klimatabellen (langjähriges Mittel 1961–1990) von Aurich und Norderney zum Vergleich:

Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Aurich
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Temperatur (°C) 1,0 1,3 3,7 6,9 11,5 14,6 16,0 15,9 13,2 9,6 5,2 2,2 Ø 8,4
Niederschlag (mm) 66,6 43,1 57,9 48,2 57,8 83,8 82,1 78,6 76,6 76,2 84,4 74,3 Σ 829,6
Sonnenstunden (h/d) 1,11 2,16 3,19 5,19 6,36 6,37 6,03 6,15 4,02 2,55 1,33 0,55 Ø 3,8
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a
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66,6
43,1
57,9
48,2
57,8
83,8
82,1
78,6
76,6
76,2
84,4
74,3


Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Norderney
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Temperatur (°C) 1,6 1,8 4,0 6,9 11,2 14,4 16,3 16,8 14,5 10,8 6,3 3,2 Ø 9
Niederschlag (mm) 60,0 40,7 52,8 41,2 48,7 62,7 76,0 72,8 72,2 80,2 87,6 74,5 Σ 769,4
Sonnenstunden (h/d) 1,28 2,42 3,52 5,49 7,17 7,27 6,46 6,44 4,51 3,17 1,51 1,13 Ø 4,2
T
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d
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s
c
h
l
a
g
60,0
40,7
52,8
41,2
48,7
62,7
76,0
72,8
72,2
80,2
87,6
74,5


Bearbeiten Einwohner

→ Siehe auch: Liste der Städte und Gemeinden in Ostfriesland

Zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffern in Deutschland nach Landkreisen im Jahr 2003. Die drei ostfriesischen Landkreise (in der Grafik oben links) liegen noch über dem Durchschnitt, in etwas schwächerer Form auch noch die Stadt Emden. Legende – grün: mehr als 1,7; gelb: 1,51 bis 1,7; orange: 1,41 bis 1,5; rosa: 1,31 bis 1,4; rot: 1,3 und weniger

In Ostfriesland leben etwa 465.000 Menschen auf 3144,26 Quadratkilometern. Daraus ergibt sich eine Einwohnerdichte von rund 148 Einwohnern pro Quadratkilometer. Damit liegt die Region deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 230 Einwohnern/km² und auch noch unter dem Durchschnitt des Landes Niedersachsen (168 Einwohner/km²).

Die größten Städte sind Emden (51.742 Einwohner), Aurich (40.651), Leer (34.128), Norden (25.147) und Wittmund (21.465). Die fünf Mittelstädte verteilen sich über die Region, lediglich Aurich und Wittmund haben eine gemeinsame Grenze – dies allerdings bedingt durch sehr umfangreiche Eingemeindungen bei der Kommunalrefom 1972. Die am dichtesten besiedelte dieser Städte ist Leer. Sie erstreckt sich auf lediglich gut 70 Quadratkilometern, während die anderen Städte viel mehr Raum in Anspruch nehmen (Wittmund: 210 km², Aurich: 197,21 km², Emden: 112,33 km², Norden 106,33 km²). Die kleinste Einheitsgemeinde Ostfrieslands ist die Insel Baltrum mit 479 Einwohnern.

Zur Einwohnerzahl in gräflicher beziehungsweise fürstlicher Zeit liegen keine Daten vor. Erst mit der Eingliederung Ostfrieslands in Preußen wurden ab 1750 Listen geführt. Für das Jahr 1744 variieren die Schätzungen zwischen 80.000 und 100.000 Einwohnern.[13]

Ostfriesland hat eine überdurchschnittliche Geburtenrate. Während 2003 der Bundesdurchschnitt bei 1,37 Geburten pro Frau im gebärfähigen Alter lag, lag er in den Landkreisen Aurich und Leer bei 1,6[14], im Landkreis Wittmund noch etwas höher.[15] Allerdings reichen die Geburtenzahlen – wie im übrigen Bundesgebiet – nicht aus, um den Bevölkerungsstand zu halten: Sie liegen unterhalb der Nettoreproduktionsrate.

Zuwanderung gleicht allerdings das Geburtendefizit aus. Dabei handelte es sich in den 1990ern oftmals um Zuwanderer aus den neuen Bundesländern sowie Spätaussiedler aus Osteuropa. Allerdings spielen auch Senioren aus anderen Teilen Deutschlands, die in Ostfriesland ihren Ruhestand verbringen wollen, eine Rolle bei der Zuwanderung. Dies verstärkt allerdings noch – über den ohnehin erwartbaren demografischen Wandel hinaus – die Überalterung.

Der Ausländeranteil in Ostfriesland liegt unter dem Durchschnitt der Bundesrepublik von 8,8 Prozent. [16] In der Stadt Emden liegt der Anteil mit 5,4 Prozent noch am höchsten. [17] Im Landkreis Leer liegt der Ausländeranteil bei etwas mehr als 4 %.[18] Bemerkenswert ist im Landkreis Leer die Tatsache, dass von den rund 6700 Ausländern fast 2100 aus den Niederlanden stammen. Dies ist mit den im Vergleich zum Nachbarland deutlich geringeren Baulandpreisen erklärbar. Der Landkreis Leer hat eine gemeinsame Landgrenze mit den Niederlanden, die A 280 führt ins Nachbarland. Im Landkreis Wittmund beträgt der Ausländeranteil 3,9 %,[19] im Landkreis Aurich 3,4 %.[20] Auch im Landkreis Aurich führen Niederländer (761) die Liste der größten Ausländergruppen an. [21]

Jahr Einwohner
1823 142.114
1833 153.671
1842 167.469
1867 193.876
1871 193.044
1885 211.825
1895 228.040
1905 251.666
1925 290.517
Jahr Einwohner[22]
1939 295.687
1948 390.334
1950 391.570
1960 359.175
1970 402.094
1980 412.079
1990 415.261
2000 454.808
2007 465.170

Bearbeiten Geschichte

→ Hauptartikel: Geschichte Ostfrieslands

Bearbeiten Frühgeschichte

Früheste Siedlungsnachweise finden sich für jungpaläolithische Rentierjäger der Hamburger Kultur. Es folgen Nachweise mesolithischer Besiedlung und später neolithischer Siedlungen der Glockenbecherkultur, der Megalithkultur und der Schnurkeramiker. Überregional bedeutende Funde aus der Frühzeit sind die älteste Brandbestattung Nordwestdeutschlands (datiert auf 2700–2900 v.Chr.)[23] und der Pflug von Walle. Er galt zu Zeiten seiner Entdeckung als ältester erhaltener Pflug in Europa, da er zunächst in die Steinzeit datiert wurde. Dies wurde später revidiert. Inzwischen wird seine Entstehungszeit auf etwa 1000 Jahre v. Chr. geschätzt.[24] Aufgrund der relativ weit entwickelten Form des Hakenpfluges ist nach Ansicht einiger Wissenschaftler jedoch auch eine Datierung in der jüngeren Bronze- oder der frühen Eisenzeit denkbar. Versuche, das Alter mit der Radiokarbonmethode zu bestimmen, schlugen fehl, weil die nach der Bergung genutzten Konservierungsmittel das Messergebnis verfälschten. Eine genaue Datierung des Fundes steht somit noch aus.[25]

Karte der germanischen Stämme um 50 n. Chr. (ohne Skandinavien)

Für spätere Zeit ist die Siedlung germanischer Stämme aus dem Großverband der Ingwäonen nachgewiesen. Dies waren Chauken[26] und Friesen. Während ursprünglich Chauken das Gebiet zwischen Ems und Weser bewohnten, begannen etwa um die Zeitenwende Friesen langsam in diesen Raum vorzudringen. Die Chauken wurden von diesen teils verdrängt, teils in deren Stammesverband aufgesogen. Seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert werden die Chauken nicht mehr erwähnt. Bis heute ist nicht geklärt, ob sie im Stammesverband der Sachsen oder dem der Franken aufgegangen sind.[27] Von der Landseite her drängten derweil sächsische Stämme in die Geestgebiete vor. Die späteren Ostfriesen gingen aus der Mischung dieser Bevölkerungsgruppen hervor.

12 v. Chr. erreichten die Römer unter ihrem Feldherren Drusus erstmals Ostfriesland.[28] Wenige Jahre später ankerte Germanicus in der Amisia (Ems). Das wohl zur Versorgung und zum Schutz der Schiffe angelegte Römerlager Bentumersiel (heute Gemeinde Jemgum, Landkreis Leer) zählt zu den wenigen Orten in Niedersachsen, an denen archäologische Funde auf die Anwe­senheit römischer Legionäre zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. hinweisen.[29]

Bearbeiten Völkerwanderung, Heerkönige, gescheiterte Christianisierung

Darstellung des Deichbaus im Oldenburger Sachsenspiegel

Im 5. Jahrhundert kam es zu einem starken Rückgang der Besiedlung. Ursache dafür könnte der Anstieg des Meeresspiegels und die dadurch bedingte Überflutung der Marsch und die Vernässung der Geest sein. Der Rückgang der Bevölkerung macht sich ausschließlich in archäologischen Funden bemerkbar, die für das 5. und 6. Jahrhundert fast gänzlich fehlen. Gesichert ist, dass ein Teil der Bevölkerung mit den Angelsachsen nach England übersetzte.[30]

In der Völkerwanderungszeit wurde die in Ostfriesland lebende Bevölkerung vermutlich in den föderativen Stammesverband der Sachsen eingegliedert. Auf eine kulturelle Annäherung deuten zudem Funde neuer Keramikformen hin, die aus dem Gebiet westlich der Weser stammen, wo zu dieser Zeit die Sachsen lebten. Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen, etwa Brandhorizonte fehlen hingegen.[31]

Im 7. und 8. Jahrhundert begann eine Neubesiedlung, die sich im Rahmen einer weitläufigen Expansion des friesischen Siedlungsgebiets abspielte. Diese reichte im Westen bis zur Sincfal (nördlich von Brügge), und umfasste Südholland, Utrecht und Westgelderland. Seit dem 8. Jahrhundert wurden auch Wursten und die nordfriesischen Inseln besiedelt, später das Festland gegenüber. Funde aus dieser Zeit, deuten dementsprechend darauf hin, dass die Siedler aus den friesischen Gebieten westlich der Lauwers stammten.[32]

Bis zu den ersten Deichbauten war eine Besiedlung nur in höher gelegenen Geestgebieten und auf so genannten Warften im regelmäßig von der Nordsee überfluteten Marschland möglich. Ab ca. 1000 n. Chr. ermöglichten Deichbauten die gesamte Marsch zu besiedeln. Hierauf spielt der Sinnspruch Deus mare, Friso litora fecit (Gott schuf das Meer, der Friese die Küsten) an.[33]

Zwischen 650 und 700 entstand ein friesisches Heerkönigtum, das gelegentlich immer noch als Großreichsbildung missverstanden wird.[34] Unstreitig ist, dass diese Heerkönige sich gegen die fränkische Expansion zur Wehr setzten, was weite Teile des heutigen Westfriesland, Ostfriesland und Gebiete bis zur Weser womöglich zusammenführte (Magna Frisia). Der erste überlieferte Name eines Heerkönigs ist Aldegisel, der offenbar ab 678 den christlichen Missionar Wilfrid unterstützte.[35] Sein Sohn und Nachfolger Radbod hatte, wie sein Vater, seinen Machtschwerpunkt im Westen, im Raum Utrecht. Der wohl bekannteste der friesischen Könige stand 716 mit seinem Heerhaufen vor Köln und besiegte im selben Jahr den fränkischen Hausmeier Karl Martell,[36] der damit seine einzige Niederlage hinnehmen musste. Radbod († 719) wurde in wilhelminischer Zeit geradezu zu einem Vorkämpfer germanischer Freiheit und, da er sich nicht taufen ließ, der anti-römischen Kräfte stilisiert – sogar Industriekomplexe, wie die Zeche Radbod im östlichen Ruhrgebiet wurden nach ihm benannt. Er ist bis heute Teil der Folklore.

Bearbeiten Teil des Frankenreichs, Christianisierung

Nachfolger Radbods wurde Poppo. Er widersetzte sich vergeblich der Rückeroberung des westlichen Frieslands durch die Franken, und nach 720 waren alle friesischen Landesteile westlich der Vlie in fränkischer Hand. Endgültig schlug Karl Martell die Friesen in der Schlacht an der Boorne (734). Poppo fand dabei den Tod. Karl der Große eroberte 785 nach dem Sieg über die Sachsen ganz Friesland einschließlich der östlichen Gebiete bis zur Weser. Sachsen und Friesen, die gegen Karl gekämpft hatten, wurde das Ius paternae hereditatis, das Recht auf ihr väterliches Erbe und damit ihr freies Erbeigen entzogen.[37] Zur Absicherung seiner Eroberungen ließ Karl zudem das alte Friesische Recht aufzeichnen und mit fränkischen Gesetzen in einer Übersicht zusammenfassen, der Lex Frisionum. Hier finden sich erstmals Hinweise auf eine Teilung der friesischen Gebiete, welche bis heute Bestand hat.

In dieser Zeit wurde Ostfriesland Ziel mehrfacher Normanneneinfälle, bei denen die Bevölkerung auf sich allein gestellt war. Die Verteidigung des Landes organisierte Karl, indem er in Friesland entlang der Küste und insbesondere an den Flussmündungen eine Küstenwacht einrichtete, die sich auf die Selbsthilfe der waffenfähigen und königstreuen Friesen stützte. Diese wurden dafür vom Militärdienst auf fremden Territorien freigestellt. Die Friesen entwickelten daraus den Mythos, Karl der Große sei der Stifter der Friesischen Freiheit gewesen. Die von Karl so privilegierte Schicht dürfte jedoch dünn gewesen sein, da sie ausschließlich aus Männern bestand, die königstreu waren und denen Karl daher das Ius paternae hereditatis nicht entzogen hatte. Erst als der Sohn Karls, Ludwig der Fromme, ihnen dieses 814 zurückgab, gelangten alle grundbesitzenden Friesen in den Genuss der Königsfreiheit. Diese zahlten dem König im Gegenzug dafür eine huslotha oder koninckhuere genannte Abgabe.[37]

Kloster Ihlow – Reste der Fundamente

Ostfriesland wurde in zwei Grafschaften geteilt. Zu dieser Zeit wurde die gescheiterte Christianisierung durch die Missionare Liudger und Willehad wieder aufgenommen. Ostfriesland wurde zu einem Teil dem Bistum Bremen, zum anderen dem Bistum Münster zugeschlagen. Im Zuge der Christianisierung entstand an der niederländischen und deutschen Nordseeküste eine Klosterlandschaft.[38] Ihren Höhepunkt fand die Bewegung im 12. und 13. Jahrhundert. Insgesamt lassen sich von Westfriesland über Groningen bis Ostfriesland etwa 120 Gründungen der verschiedenen Orden nachweisen. In Ostfriesland selbst gab es mehr als 30 Klöster. Nach der Reformation wurden die Klöster säkularisiert und zum Teil als profane Gebäude genutzt. Die meisten wurden jedoch abgebrochen und das so gewonnene Baumaterial, etwa die Ziegel, zum Hausbau oder zur Anlage von Befestigungen für die Städte genutzt. Auch die Urkunden, Verträge, Bild- und Schriftquellen, die in ihnen aufbewahrt wurden, gingen größtenteils verloren.[39]

Bearbeiten Ablösung der Grafengerichte, Konsularverfassung, Friesische Freiheit

Upstalsboom, älteste bekannte Ansicht von C. B. Meyer (1790)

Gegen Ende der Karolingerzeit entstand ein Verbund zunehmend von den herrschaftlichen Gruppen im Kernland des Frankenreichs abgekoppelter Bezirke. Diese entsandten jährlich gewählte Vertreter, die so genannte „Redjeven“ (Rechtsprecher, Ratsmänner), die sowohl die Gerichtsbarkeit ausübten als auch ihre Bezirke führten. Die Gruppe der Großen reichte zwar teilweise bis zur fränkischen Eroberung zurück, doch blieb der in Europa verbreitete Feudalismus in Ostfriesland wenig entwickelt. Vielmehr verstanden sich die Friesen als von grundherrlichen Bindungen freie Bauern, die weder an die Scholle gebunden waren, noch Vasallitätsverhältnisse entwickelten, wie sie in den karolingischen Herrschaftsgebieten entstanden waren. Zwar gab es Unfreie, aber ihre Zahl dürfte gering gewesen sein.

Die Ablösung der Grafengerichtsbarkeit durch die Konsularverfassung begann schon vor dem 12. Jahrhundert. Jedes Jahr versammelten sich vom 12. bis ins 14. Jahrhundert in der so genannten Friesischen Freiheit gewählte Abgesandte der sieben friesischen Seelande am dritten Pfingsttag am Upstalsboom nahe Aurich. Die Zahl sieben ist hierbei lediglich symbolisch zu verstehen, tatsächlich waren es Abgesandte aus mehr Landstrichen. Am Upstalsboom wurde Recht gesprochen und politische Entscheidungen von überregionaler Bedeutung getroffen. Die Abgeordneten wurden bereits zu Ostern in den Gauen gewählt. Urkundlich nachgewiesen sind diese Versammlungen zwischen 1216–1231 und von 1323–1327.

Bearbeiten Ostfriesische Häuptlinge

→ Hauptartikel: Ostfriesische Häuptlinge

Ostfriesland zur Zeit der Häuptlinge
Friesische Seelande um 1300

Im Verlauf des 14. Jahrhunderts zerfiel die Redjeven-Verfassung zusehends, wozu auch der Ausbruch der Pest und Sturmflutkatastrophen beigetragen haben mögen, in deren Gefolge viele der bedeutenden Familien verarmten. Auch hatten Feudalherren wie die Bischöfe von Münster oder die Grafen von Oldenburg ihre Bestrebungen keineswegs aufgegeben, den Norden ihrem Herrschaftssystem einzufügen. Diese Situation machten sich einige einflussreiche Familien zu Nutze und schufen ein Herrschaftssystem, in dem sie als Häuptlinge (hovedlinge) die Macht über mehr oder weniger weite Gebiete gewannen.[40] Dabei etablierten sie weiterhin kein Feudalsystem, wie es im übrigen Europa zu finden war, sondern eher ein Gefolgschaftssystem, das älteren Herrschaftsformen germanischer Kulturen im Norden ähnelte, indem die Bewohner der jeweiligen Machtbereiche zwar in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Häuptling standen, diesem verschiedentlich verpflichtet waren, im Übrigen ihre Freiheit behielten und sich auch anderweitig niederlassen konnten.

Bis Ende des 14. Jahrhunderts bildeten die Machtkämpfe der verschiedenen Häuptlingsfamilien ein lokales Problem. Nachdem die Vitalienbrüder durch den Deutschen Orden im Jahr 1398 von der Ostseeinsel Gotland vertrieben waren, fanden sie jedoch Aufnahme bei einigen der ostfriesischen Herrscher, die sie als Streitmacht einsetzten. Der wohl bekannteste Seeräuber, der in Ostfriesland Unterschlupf fand, war Klaus Störtebeker. Er quartierte sich in Marienhafe ein, das damals noch an der Leybucht lag und somit Zugang zur offenen See hatte. Dadurch kam es zu erheblichen Spannungen mit der Hanse,[41] deren Heere in der Folgezeit mehrfach in Ostfriesland einmarschierten. Vor allem die Städte Hamburg und Bremen sahen sich durch die Seeräuber geschädigt.[42] Die Konflikte unter den Häuptlingen wurden durch das Engagement der Hanse jedoch nicht beseitigt, sondern eher noch verkompliziert.[43] Die Hanse schlug 1401 eine erfolgreiche Seeschlacht vor Helgoland gegen die Seeräuber. Teile Ostfrieslands, darunter Emden, wurden besetzt, vor allem von hamburgischen Kräften. Sie zogen erst 1453 wieder aus Emden ab.

Erst der Aufstieg der Cirksena um 1430, als Edzard Cirksena sich als Anführer eines Bundes der Freiheit durchgesetzt hatte, beendete diese von dauerhaften Fehden geprägte Phase, zugleich aber auch die Sonderstellung der regionalen Gesellschaftsverfassung. Ulrich Cirksena, ein Angehöriger eines der letzten einflussreichen Häuptlingsgeschlechter, wurde 1464 von Kaiser Friedrich III. in den Reichsgrafenstand erhoben und mit Ostfriesland als Reichsgrafschaft belehnt.[44] Es gehörte zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis.

Bearbeiten Die Herrschaft der Cirksena (1464–1744), Konfessionskriege

Unter der Herrschaft des 1662 in den erblichen Fürstenstand erhobenen Hauses Cirksena entwickelte sich Ostfriesland gesellschaftlich und wirtschaftlich vorteilhaft. Die größte Ausdehnung erreichte die Grafschaft unter Edzard dem Großen, dem bedeutendsten Cirksena-Herrscher, unter dessen Herrschaft auch die Ausbreitung der Reformation in Ostfriesland begann und das Ostfriesische Landrecht konzipiert wurde. In dieser Zeit (1547–1625) lebte auch Ubbo Emmius, der bedeutende ostfriesische Humanist, Historiker und Gründungsrektor der Universität Groningen. Die Grafen konnten in Ostfriesland allerdings keine starke Adelsherrschaft wie in den anderen Staaten des Reiches durchsetzen, da die friesischen Stände ihre Freiheitsrechte weitgehend zu wahren und verteidigen wussten.

Ostfriesland um 1600, gezeichnet von Ubbo Emmius

Bereits um 1520 hielt die Reformation Einzug in Ostfriesland. Anders als in den meisten Regionen war es jedoch nicht die Obrigkeit, die hier federführend war. Zwar unterstützte Graf Edzard I. die Verbreitung der neuen Lehre, war in seiner Position jedoch zu schwach, um ein bestimmtes Bekenntnis durchzusetzen. So existierten Katholizismus, lutherischer Protestantismus und Calvinismus in Ostfriesland nebeneinander, ohne dass dabei eine Konfession die Oberhand gewinnen konnte. Vielmehr setzte sich eine Spaltung des Landes in einen lutherischen Osten und einen calvinistischen Westen durch. Vor allem die Stadt Emden profitierte in den Folgejahren vom Zuzug von Glaubensflüchtlingen aus den Niederlanden, die etwa Menno Simons aus Witmarsum führte – nach ihm wurden die Mennoniten benannt – , aber auch aus Frankreich und England. Zeitweise sah es so aus, als ob die Stadt ein drittes reformatorisches Zentrum neben Wittenberg und Genf werden könnte. Die Stadt agierte immer selbstbewusster gegenüber dem Grafen. Die Spannungen gipfelten 1595 in der