Als Religion bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller PhÀnomene, die menschliches Verhalten, Handeln und Denken prÀgen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen. Es gibt keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition des Begriffs Religion.
Religiöse Weltanschauungen und Sinngebungssysteme stehen in langen Traditionen und beziehen sich zumeist auf ĂŒbernatĂŒrliche Vorstellungen. So gehen viele, aber nicht alle Religionen von der Existenz eines oder mehrerer persönlicher oder unpersönlicher ĂŒber-weltlicher Wesen (z. B. einer Gottheit oder von Geistern) oder Prinzipien (z. B. Dao, Dhamma) aus und machen Aussagen ĂŒber die Herkunft und Zukunft des Menschen, etwa ĂŒber das Nirwana oder Jenseits. Sehr viele Religionen weisen gemeinsame Elemente auf, wie die Kommunikation mit transzendenten Wesen im Rahmen von Heilslehren, Symbolsystemen, Kulten und Ritualen.
Alltagssprachlich werden â vor allem im christlichen Kontext â die AusdrĂŒcke âReligionâ, âReligiositĂ€tâ und religiöser âGlaubeâ oft gleichbedeutend verwendet. Zahlreiche Religionen sind als Institutionen organisiert, dabei kann in vielen, aber nicht allen FĂ€llen auch von einer Religionsgemeinschaft gesprochen werden. Einige Religionen beruhen auf philosophischen Systemen im weitesten Sinne oder haben solche rezipiert. Einige sind stĂ€rker politisch, teils sogar theokratisch orientiert. Einige legen starken Wert auf spirituelle Aspekte, andere weniger. Eine klare Abgrenzung ist nicht möglich, Ăberschneidungen finden sich in nahezu allen Religionen und insbesondere bei deren Rezeption und AusĂŒbung durch einzelne Menschen.
Die weltweit gröĂten Religionen nach AnhĂ€ngerzahl sind: Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus, Sikhismus, Judentum, Bahai, Konfuzianismus[1] und ShintĆ (siehe auch â Weltreligion und die Liste der Religionen der Welt).
Mit der wissenschaftlichen Erforschung von Religionen und ReligiositÀt befassen sich besonders die Religionswissenschaft, die Religionsgeschichte, die Religionssoziologie, die Religionsethnologie, die ReligionsphÀnomenologie, die Religionspsychologie und die Religionsphilosophie sowie in vielen FÀllen Teilgebiete der jeweiligen Theologie.
Religionskritik stellt Religionen und ReligiositÀt, ihre Glaubensaussagen, Konzepte, Institutionen oder praktischen Erscheinungsformen in Frage.
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Christentum, Judentum, Hinduismus
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Islam, Buddhismus, ShintĆ
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Sikhismus, Bahai, Jainismus
Inhaltsverzeichnis |
Bearbeiten Etymologie und Begriff
Das Wort religio hatte im Lateinischen verschiedene Bedeutungen: âGottesfurchtâ, âFrömmigkeitâ, âHeiligkeitâ, aber auch âRĂŒcksichtâ, âBedenkenâ, âSkrupelâ, âPflichtâ, âGewissenhaftigkeitâ oder âAberglaubeâ. Die Etymologie des Begriffs lĂ€sst sich nicht mit Sicherheit bis zu seinem Ursprung zurĂŒckverfolgen. Religio ist kein Terminus altrömischer Religion. Die frĂŒhesten Belege fĂŒr die Verwendung dieses Ausdrucks finden sich erst in den Komödien des Plautus (ca. 250â184 v. Chr.) und in den politischen Reden des Cato (234â149 v. Chr.).[2]
Nach Cicero (1. Jh. v. Chr.) geht religio auf relegere zurĂŒck, was wörtlich âwieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder aufwickelnâ, im ĂŒbertragenen Sinn âbedenken, achtgebenâ bedeutet. Cicero dachte dabei an den Tempelkult, den es sorgsam zu beachten galt. Dieser religio (gewissenhafte Einhaltung ĂŒberlieferter Regeln) stellte er superstitio (nach der ursprĂŒnglichen Bedeutung Ekstase) als eine ĂŒbertriebene Form von ReligiositĂ€t (tagelanges Beten und Opfern) gegenĂŒber.[3] Auch bei der Entlehnung ins Deutsche im 16. Jahrhundert wird Religion zunĂ€chst in diesem Sinne verwandt, nĂ€mlich zur Bezeichnung amtskirchlicher Bibelauslegung und Kultpraxis und ihrer Abgrenzung gegenĂŒber sogenanntem Aberglauben (siehe Superstitio).
Zu Beginn des 4. Jahrhunderts fĂŒhrte der christliche Apologet Lactantius dagegen das Wort religio auf religare = âan-, zurĂŒckbindenâ zurĂŒck, wobei er sich polemisch mit Ciceros Auffassung ĂŒber den Unterschied von religio und superstitio auseinandersetzte. Er meinte, es handle sich um ein âBand der Frömmigkeitâ, das den GlĂ€ubigen an Gott binde.[4]
Der Terminus religio bzw. religiosus wurde im Mittelalter vor allem fĂŒr den Ordensstand benutzt. Diese Bedeutung hat der Begriff bis heute im römisch-katholischen Kirchenrecht. Im Mittelalter und in der frĂŒhen Neuzeit waren zur Bezeichnung der Gesamtheit des Religiösen die AusdrĂŒcke fides (Glaube), lex (Gesetz) und secta (Richtung, Partei) gebrĂ€uchlich. âReligionâ bezeichnete zunĂ€chst Lehren, die je nach Auffassung fĂŒr richtig oder falsch gehalten wurden. Erst nach der Reformation, vor allem im Zeitalter der AufklĂ€rung wurde ein abstrakterer âReligionsâ-Begriff geprĂ€gt, auf den die gegenwĂ€rtigen DefinitionsansĂ€tze zurĂŒckgehen.
In den meisten auĂereuropĂ€ischen Sprachen fanden sich bis zum 19. Jahrhundert keine genauen Ăbersetzungen des Wortes Religion, hĂ€ufig wurde das PhĂ€nomen mit mehreren Begriffen umschrieben, oder es wurde relativ spĂ€t ein neuer Begriff geprĂ€gt. Dies trifft beispielsweise auf den Ausdruck Hinduismus zu, dessen Bedeutung einem mehrmaligen Wandel unterlag.
Neuerdings hat der Religions- und Sprachwissenschaftler Axel Bergmann eine andere Etymologie vorgeschlagen und eingehend begrĂŒndet. Seiner Auffassung nach kann in dem Wort nicht das PrĂ€fix re- (âzurĂŒckâ, âwiederâ) stecken, sondern es hieĂ ursprĂŒnglich altlateinisch rem ligere = eine âSacheâ (gemeint: ein Vorhaben) âbindenâ (= mit Skrupel oder Skepsis betrachten und wegen dieser Bedenken zögern und davor zurĂŒckschrecken). Dieser Ausdruck der Alltagssprache wurde auch speziell auf religiöse Skrupel bezogen und dann auf den gesamten Bereich des Religiösen ausgedehnt.[5]
Bearbeiten Religion als historisches PhÀnomen
â Hauptartikel: Religionsgeschichte
Bearbeiten Ălteste Spuren
Nachdem Ă€ltere Theorien wie die eines hominiden BĂ€renkultes heute als widerlegt gelten, andererseits aber die lange bezweifelten Datierungen jungpalĂ€olithischer Höhlenmalereien und Musikinstrumente wesentlich erweitert und bestĂ€tigt wurden, hat sich ein wissenschaftlicher Konsens ĂŒber den Beginn menschlicher Religionsgeschichte herausgebildet. Demnach werden Bestattungen und (spĂ€ter) Grabbeigaben als frĂŒhe archĂ€ologische Zeichen religiösen Ausdrucks (Steinzeitliche Religionen) anerkannt, die sich ab etwa 120.000 Jahren v. Chr. im MittelpalĂ€olithikum sowohl beim âJetzmenschenâ (Homo sapiens) als auch beim Neandertaler nachweisen lassen, bei Homo sapiens jedoch bald komplexere Formen von frĂŒhen Kunstwerken, aufwĂ€ndigen GrabstĂ€tten und herausgehobenen Bauwerken annahmen.
Möglicherweise sind schon die 300.000 - 400.000 Jahre alten Schöninger Speere ein Indiz fĂŒr das damalige Vorhandensein von Religion im weitesten Sinn, da es sich um intakte, relativ aufwĂ€ndig gefertigte Jagdwaffen handelt, die nicht ohne weiteres weggeworfen worden sein dĂŒrften, wohl aber 'geopfert' worden sein könnten.
Ab ca. 40.000 v. Chr. â mit dem Auftreten kĂŒnstlerischer Skulpturen, Malereien und Musikinstrumente â werden die Hinweise deutlicher. Welche religiösen Inhalte und Konzepte diesen Artefakten zuzuschreiben sind, ist noch nicht geklĂ€rt. [6]
Bearbeiten Geschichte der Weltreligionen
Die Geschichte der Religionen wird in den Geschichtsabschnitten ihrer jeweiligen Artikel bzw. in gesonderten geschichtlichen Artikeln dargestellt:
Bearbeiten Religion in der Neuzeit
Im Gegensatz zu den mittelalterlichen christlichen Gesellschaften, in denen fast die gesamte Lebenswirklichkeit unter der AutoritĂ€t der Religion stand, verlor die institutionalisierte Religion in der Neuzeit zunehmend an MachtfĂŒlle. Anstelle der Theologie errangen die Natur- und Geisteswissenschaften AutoritĂ€t, beispielsweise in Fragen zu Evolution oder Ethik/Recht, Bereichen, die zuvor der Religion unterstanden. Die Tendenzen hin zu einer Trennung von Kirche und Staat werden als SĂ€kularisierung bezeichnet. ErklĂ€rungsversuche fĂŒr dieses PhĂ€nomen beziehen sich oft auf die Ideen des Humanismus und der AufklĂ€rung, die Industrielle Revolution, die allmĂ€hliche bzw. durch eine Revolution hervorgerufene Ăberwindung des StĂ€ndestaates und den damit verbundenen ökonomischen, sozialen, kulturellen und rechtlichen Wandel.[7] Der Wandel umfasst alle gesellschaftlichen Felder, so auch das der verfassten Religion, welche sich ebenfalls ausdifferenzierte, einerseits Gewaltpotential und Unduldsamkeit zeigte, andererseits pluralistischer auftrat und vielfach mehr Toleranz aufbrachte.
Die abnehmende materielle und geistige Macht der groĂen christlichen Kirchen, die Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts mit den Worten âGott ist totâ kommentierte, wurde und wird von einigen religiösen Denkern bemĂ€ngelt. Sie argumentieren, durch das Schwinden des Einflusses der Religion wĂŒrden ethische Standards reduziert und der Mensch zum MaĂ aller Dinge gemacht. Unter der Devise âOhne Gott ist alles erlaubtâ, könnten destruktive Handlungen und nihilistisches Denken gefördert werden. FĂŒr solche Folgen gibt es allerdings keine eindeutigen Hinweise.
In Europa verlor das Christentum seit dem spÀten 19. Jahrhundert hinsichtlich seiner Reputation, seines gesellschaftlichen und politischen Einflusses und seiner Verbreitung beschleunigt an Bedeutung. Einige traditionell christliche westliche LÀnder verzeichnen sinkenden Klerikernachwuchs, Verkleinerung der Klöster und ein Anwachsen von Kirchenaustritten oder andere Formen von Distanzierung.[8]
Besonders in Frankreich, wo durch die Revolution 1789, den Code Civil 1804 und Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Gesetz zur Trennung von Religion und Staat ein strikter Laizismus umgesetzt worden ist, ging der gesellschaftliche Einfluss der Katholischen Kirche zurĂŒck.[9]
Im Russland nach der Oktoberrevolution 1917, im Deutschen Reich nach 1933 und in den Ostblockstaaten nach 1945 konnte eine öffentliche religiöse BetĂ€tigung zu gesellschaftlichen Benachteiligungen fĂŒhren. Daher war der Anteil der sichtlich praktizierenden Mitglieder von Religionsgemeinschaften vergleichsweise gering. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist eine ambivalente Entwicklung festzustellen. WĂ€hrend in den Neuen BundeslĂ€ndern die organisierte Religion weiterhin nur eine marginale Rolle spielt, ist sie beispielsweise in Polen tief verwurzelt.
Bearbeiten GegenwÀrtige Trends
Zahlreiche Studien belegen rĂŒcklĂ€ufige Besucherzahlen in Kirchen, Synagogen und anderen religiösen Einrichtungen, z. B. in GroĂbritannien, Deutschland und Frankreich, obwohl die Kirchen hier Umfragen zufolge weiterhin zu den anerkannten öffentlichen Einrichtungen zĂ€hlen. In den meisten europĂ€ischen Staaten waren 2005 jedoch noch mehr als 50 % der Einwohner Mitglieder einer christlichen Kirche. In Polen, Irland, Spanien und Italien gilt die katholische Kirche, der jeweils mehr als 80 % der Bewohner angehören, als politisch einflussreich.[10] In vielen europĂ€ischen LĂ€ndern ist es nach wie vor ĂŒblich, zumindest formell einer Religion anzugehören. Seit einigen Jahrzehnten, verstĂ€rkt seit dem Ende des letzten Jahrtausends wenden sich vor allem junge Menschen hĂ€ufiger wieder institutionalisierten oder anderen religiösen Ausdrucksformen zu.
Im Gegenzug zur SĂ€kularisierung in Europa gewinnen, insbesondere Islam und Christentum aber auch der Buddhismus, in der ĂŒbrigen Welt an Bedeutung. In den USA und Lateinamerika etwa stellt die Religion nach wie vor einen wichtigen Faktor dar. Im 20. Jahrhundert ist in Afrika der Einfluss des Christentums und des Islam erheblich gewachsen. In der arabischen Welt ist der Islam zunehmend das prĂ€gende Element der Gesellschaft. Auch in China erlebt die Religion seit der Lockerung entsprechender Verbote wieder einen moderaten Aufschwung.
Neuere Forschungen verweisen darauf, dass in zeitgenössischen Gesellschaften statistisch nachweisbar ein Zusammenhang zwischen Demografie und Religion besteht. Die Kinderzahl in religiösen Gemeinschaften ist zum Teil erheblich höher als die in den eher sĂ€kular geprĂ€gten Gesellschaften. Beispiele hierfĂŒr sind die Geburtenraten der tĂŒrkischstĂ€mmigen Familien in Deutschland, die zumeist dem sunnitischen Islam angehören,[11]evangelikaler christlicher Gruppen in den USA und zunehmend auch in Europa und Angehöriger des orthodoxen Judentums in Israel. Dieses PhĂ€nomen wird gegenwĂ€rtig auf dem Hintergrund der Probleme einer wachsenden Weltbevölkerung nicht nur positiv, sondern auch negativ bewertet.
In den meisten Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen wurde das Recht auf Religionsfreiheit inzwischen gesetzlich verankert, aber nicht unbedingt im Alltagsleben verwirklicht. Allerdings gibt es noch zahlreiche LĂ€nder, in denen keinerlei Recht auf freie Wahl der Religion besteht, so z. B. Saudi-Arabien und Nord-Korea oder in denen der Handlungsspielraum religiöser Individuen und Gruppen eingeschrĂ€nkt ist. DemgegenĂŒber gewĂ€hren die USA praktisch jeder Gemeinschaft, die sich selbst als religiös bezeichnet, den Status einer religious community mit entsprechenden Rechten.
Bearbeiten Religionen in Zahlen
Die Quellenlage fĂŒr prĂ€zise Aussagen ĂŒber die Religionszugehörigkeit weltweit ist Ă€uĂerst fraglich. Nicht nur die Erhebungsmethoden unterscheiden sich erheblich, vor allem ist die Ausgangssituation in den Staaten sehr unterschiedlich. Lediglich ĂŒber Staaten, in denen Religionsfreiheit besteht, können relativ exakte Aussagen gemacht werden. Aber auch dort gibt es eine hohe Varianz, schon hinsichtlich der Datenerhebung. Unterschiedliche Ergebnisse sind beispielsweise zu erwarten, je nachdem ob die Aussagen auf behördlich erfasster Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder auf Befragungen beruhen. Regimes, die keine Religionsfreiheit gewĂ€hrleisten oder Staaten, die sich offiziell als atheistisch betrachten, machen ein realistisches Bild fast unmöglich. Hinzu kommt, dass auch die Weltreligionen sehr heterogen sind: so unterscheidet sich beispielsweise das Christentum in afrikanischen LĂ€ndern von dem in skandinavischen in vielen Merkmalen. Zum Judentum werden zumeist auch diejenigen gerechnet, die sich als Agnostiker oder Atheisten verstehen, zum Christentum in Deutschland alle Kirchensteuerzahler, auch wenn sie nicht glĂ€ubig sind. UnschĂ€rfen entstehen u. a. auch, weil Kinder und Jugendliche der Religion ihrer Eltern zugerechnet werden, jedoch sich selbst nicht unbedingt dieser Religion angehörig fĂŒhlen. [12] FĂŒr einzelne Staaten mit ausgewiesenen statistischen Systemen lassen sich genauere Angaben machen, die aber nicht ohne weiteres miteinander vergleichbar sind.
Bearbeiten Statistik A â Religionen der Welt â Zugehörige
(Quelle: adherents.com, 9. August 2007)[13]
- Christentum (2,1 Milliarden)
- Islam (1,5 Milliarden)
- SÀkulare, Nichtreligiöse, Agnostiker und Atheisten (1,1 Milliarden)
- Hinduismus (900 Millionen)
- Traditionelle chinesische Religionen (394 Millionen)
- Buddhismus (376 Millionen)
- Nichtafrikanische indigene Religionen (300 Millionen)
- Traditionell Afrikanische Religionen (100 Millionen)
- Sikhismus (23 Millionen)
- Spiritismus (15 Millionen)
- Judentum (14 Millionen)
- Bahai (7 Millionen)
- Jainismus (4,2 Millionen)
- Shintoismus (4 Millionen)
- Caodaismus (4 Millionen)
- Zoroastrismus (2,6 Millionen)
- TenrikyĆ (2 Millionen)
- Neopaganismus (1 Millionen)
- universalistischer Unitarismus (800.000)
- Rastafari (600.000)
- Scientology (500.000)
Bearbeiten Statistik B â Religionen der Welt â Zugehörige
(Quelle: Britannica Online, Mitte 2007)
- Christentum (2.199.817.400)
- Islam (1.387.454.500)
- Hinduismus (875.726.000)
- Traditionelle chinesische Religionen (385.621.500)
- Buddhismus (385.609.000)
- Stammesreligionen (266.405.000)
- Neue religiöse Bewegungen (106.533.300)
- Sikhismus (22.927.500)
- Judentum (14.956.000)
- Spiritismus (13.508.600)
- Bahai (7.697.000)
- Konfuzianismus (6.444.300)
- Jainismus (5.264.500)
- Daoismus auĂerhalb Chinas (3.404.200)
- Shinto (2.801.400)
- Zoroastrismus (180.800)
- Andere Religionen (1.205.000)
- Nichtreligiöse[14] (776.826.000)
- Atheismus[15] (153.465.000)
Bearbeiten Statistik C â Religionen in Deutschland â Zugehörige
(Quelle: Religionswissenschaftlicher Medieninformationsdienst e. V.)[16]
- Römisch-Katholische Kirche (25,685 Millionen oder 31,26 %), Stand: 31/12/2006
- Evangelische Landeskirchen (25,101 Millionen oder 30,55 %), Stand: 31/12/2006
- Islam (gesamt: 3,5 Millionen oder 4,26 %), Stand: 25/09/2008
- Neuapostolische Kirche (0,37 Millionen), Stand: 31/12/2006
- Buddhismus (gesamt: 0,25 Millionen), Stand: 31/12/2005
- Judentum (gesamt: 0,20 Millionen), Stand: 31/12/2005
- Jehovas Zeugen (gesamt 0,165 Millionen), Stand 31/12/2006
- Hinduismus (gesamt: 0,088 Millionen), Stand: 31/12/2005
Bearbeiten Weitere
Nach der 15. Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2006 glauben 30 % der befragten deutschen Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren an einen persönlichen Gott, 19 % an eine ĂŒberirdische Macht, wĂ€hrend 23 % eher agnostische Angaben machten und 28 % weder an einen Gott noch eine höhere Macht glauben.[17]
FĂŒr Ăsterreich siehe: Anerkannte Religionen in Ăsterreich
FĂŒr die Schweiz siehe: Religionen in der Schweiz
Bearbeiten Wissenschaftliche AnsÀtze zur Definition und Beschreibung von Religion
Jean-Jacques Rousseau, kritisierte in seinem 1762 in Paris erschienenen einflussreichen Werk âVom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtesâ die Religion grundlegend als Quelle von Krieg und Machtmissbrauch. Er entwickelt das Modell einer Zivilreligion, die den politischen Erfordernissen einer âfreienâ Gesellschaft gerecht werde. Dazu gehörte die Anerkennung der Existenz Gottes, eines Lebens nach dem Tod, die Vergeltung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, die Unantastbarkeit (Heiligkeit) des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze und schlieĂlich die Toleranz. Diese neue, fĂŒr alle BĂŒrger gleichermaĂen gĂŒltige Religion sollte zur StabilitĂ€t der Gemeinschaft beitragen.
Sein Gegenspieler Voltaire, der die Dogmen und die MachtfĂŒlle der Katholischen Kirche noch schĂ€rfer ablehnte, setzte sich dennoch fĂŒr einen reinen, toleranten Monotheismus unabhĂ€ngig von den bis dahin existierenden Religionen ein und betonte die moralische NĂŒtzlichkeit des Glaubens an Gott. Er erkannte zwar die Heiligen Schriften und die Auffassung, Jesus sei Gottes Sohn, nicht an, war aber dennoch von der GesetzmĂ€Ăigkeit des Kosmos und der Existenz einer höchsten Intelligenz ĂŒberzeugt, ging von der Unsterblichkeit der Seele und einem freien menschlichen Willen aus, Positionen, die er jedoch auch wieder in jeder Hinsicht bezweifelte.
Immanuel Kant formulierte 1793 in seiner religionsphilosophischen Schrift âDie Religion innerhalb der Grenzen der bloĂen Vernunftâ seine Auffassung ĂŒber eine Vernunftreligion. Er entwickelte eine philosophische Religionslehre, die das Prinzip des Bösen postuliert. Das Böse sei dem menschlichen Wesen innewohnend. Er geht von der Existenz Gottes und von der Unsterblichkeit der Seele aus. Gott lasse sich allerdings nicht beweisen. Laut Kant verfĂŒgt lediglich das Christentum, im Gegensatz zu anderen, seiner Auffassung nach "veralteten" und "ritualisierten" Religionen wie Judentum und Islam, ĂŒber eine Lehre und Moral, die die Philosophie anerkennen kann. Konsequentes moralisches Handeln ist demnach nicht möglich ohne den Glauben an die Freiheit, die Unsterblichkeit der Seele und Gott. Daher ist die Moral das UrsprĂŒngliche. Die Religion indes erklĂ€rt die moralischen Pflichten als göttliche Gebote. Also folge die Religion dem bereits vorhandenen Moralgesetz. Um die eigentlichen menschlichen Pflichten zu finden, mĂŒsse man das Richtige aus den verschiedenen Religionslehren herausfiltern. Rituelle Praktiken der Religionen lehnte Kant als âPfaffentumâ ab.
Der Religionskritiker Ludwig Feuerbach erklĂ€rte 1841 Religion als âdas erste und zwar indirekte SelbstbewuĂtsein des Menschen. [âŠ] der Mensch vergegenstĂ€ndlicht in der Religion sein eignes geheimes Wesen.â [18] Demnach betrachtet der religiöse Mensch alles, was er fĂŒr wahr, richtig und gut hĂ€lt, als selbststĂ€ndige Erscheinungen auĂerhalb seiner selbst. Diese selbststĂ€ndigen Erscheinungen kann sich der Mensch als Person in Einzahl oder Mehrzahl mit begrenztem oder unbegrenztem Wirkungsbereich vorstellen und demzufolge seine Begriffe vom Wahren, Richtigen und Guten als Bereichsgötter oder einzigen Gott benennen oder ohne Personifikation als KrĂ€fte, MĂ€chte, Wirkungen, gesetzmĂ€Ăige AblĂ€ufe oder Ă€hnlich bestimmen. Wie er das tut, richtet sich nach regionaler Entwicklung und Ăberlieferung. Folgerichtig betrachtet Feuerbach Religion nicht mehr als Welt deutendes, Menschen verpflichtendes System, sondern als völkerkundliches Forschungsgebiet.
Karl Marx bezeichnete 1844 im Anschluss an Feuerbach in seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Religion als âdas Opium des Volkesâ, ein Ausspruch, der zum geflĂŒgelten Wort geworden ist. Nach Marx wird Religion als ein verkehrtes Weltbewusstsein von Staat und Gesellschaft produziert, weil in bisherigen Gesellschaftsordnungen der Mensch von sich selbst entfremdet war. âDie Aufhebung der Religion als des illusorischen GlĂŒcks des Volkesâ ist fĂŒr ihn daher âdie Forderung seines wirklichen GlĂŒcksâ.[19]
Von Friedrich Nietzsche stammt der als Gedanke der Moderne immer wieder zitierte Ausspruch âGott ist tot!â Er fĂ€hrt fort, und dies ist weniger bekannt: âGott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?â [20] Der Philosoph zĂ€hlte die wachsende Bedeutung der Naturwissenschaften und der Geschichtswissenschaft zusammen mit der radikalen Religionskritik zu den Ursachen fĂŒr den Verfall der (christlichen) Moral.
In der Tradition Feuerbachs und Nietzsches stehend, stellte der BegrĂŒnder der Psychoanalyse Sigmund Freud Religion als Zwangsneurose und infantiles Abwehrverhalten dar. Der Urmensch habe die NaturkrĂ€fte personalisiert und zu schĂŒtzenden MĂ€chten erhoben, damit sie ihn in seiner Hilflosigkeit stĂŒtzen. Das zugrundeliegende Verhaltensmuster knĂŒpft demnach an die frĂŒhkindliche Erfahrung des schĂŒtzenden, aber auch strafenden Vaters an. Daraus resultiere ein zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis zum Vater, das im Erwachsenenalter zum âGlaubenâ fĂŒhre. Der Mensch fĂŒrchte die Gottheiten und suche gleichzeitig ihren Schutz. Auf die Evolutionstheorie Charles Darwins Bezug nehmend, sah Freud die âUrhordeâ mit einem despotischen âStammesvaterâ als AnfĂŒhrer, der ĂŒber alle Frauen des Stammes verfĂŒgen konnte. Seine Söhne verehrten ihn, fĂŒrchteten ihn aber auch. Aus Eifersucht brachten sie gemeinsam den Urvater um. Daraus sei der âĂdipuskomplexâ hervorgegangen. Das Schuldbewusstsein der gesamten Menschheit (Vorstellung von der âErbsĂŒndeâ) sei somit der kulturbewahrende Anfang sozialer Organisation, der Religion sowie â damit zusammenhĂ€ngend â sexueller EinschrĂ€nkung. [21]
Die argentinische Religionspsychologin Ana-Maria Rizzuto geht â anders als Freud â davon aus, dass die Gottesvorstellung einen notwendigen Teil der Ichbildung darstellt. Demnach entwickeln Kinder aus der breiten FĂŒlle von Phantasien zu Helden und magischen Wesen ihr jeweiliges Gottesbild â im Rahmen des Bezugsystems ihrer Eltern und der Umwelt.
Erich Fromm prÀgte eine weite, sozialpsychologische Definition. Als Religion betrachtete er jedes von einer Gruppe geteilte System des Denkens und Handelns, das dem Einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet. [22]
Der zeitgenössische postmoderne deutsche Philosoph Peter Sloterdijk schreibt der Religion die Wirkung eines psychosemantischen Immunsystems zu. Im Zuge der kulturellen Entwicklung sei der Mensch offener, aber auch verletzbarer geworden. Religion befĂ€hige den Menschen, âVerletzungen, Invasionen und KrĂ€nkungenâ selbst zu heilen. Sloterdijk bezeichnet nicht Gott, sondern âdas Wissen um Heilung als RealitĂ€t, von der biologischen bis zu einer spirituellen Stufeâ als die Perle in der Muschel der Theologie.[23]
JĂŒrgen Habermas, der prominenteste Vertreter der Kritischen Theorie, betont seit Ende der 1990er Jahre den positiven Einfluss der (christlichen) Religion auf demokratische Wertsysteme.
Bearbeiten Religionsgeschichtliche Theorien
In der FrĂŒhzeit der wissenschaftlichen Behandlung von Religion waren evolutionistische EntwĂŒrfe vorherrschend, in denen die einzelnen Ereignisse als bloĂe Etappen vergleichsweise einfacher, globaler, quasi naturgesetzlicher Entwicklungen gesehen wurden, etwa bei James Frazer als eine Entwicklung von der Magie ĂŒber die Religion zur Wissenschaft. Diese teleologischen Positionen krankten oft an unzureichenden empirischen Grundlagen, enthielten meist explizite oder implizite Wertungen und waren vielfach auf den Einzelfall konkreter religionsgeschichtlicher Ereignisse nicht anwendbar. In der modernen Religionswissenschaft spielen sie nur noch als Materiallieferanten[24] und als Teil der Fachgeschichte eine Rolle.[25]
In einer geschichtsphilosophischen Betrachtung machte Karl Jaspers eine von ihm so genannte Achsenzeit zwischen 800 und 200 v.Chr. aus, in der wesentliche geistesgeschichtliche Innovationen die Philosophie- und Religionsgeschichte Chinas, Indiens, des Iran und in Griechenland prĂ€gten. Jaspers deutete diese als eine umfassende Epoche der âVergeistigungâ des Menschen, die sich in Philosophie und Religion, sekundĂ€r auch in Recht und Technologie ausgewirkt habe. Mit dieser pluralistischen Interpretation wandte Jaspers sich vor allem gegen eine christlich motivierte Konzeption einer Universalgeschichte.[26]
Die Religionen schriftloser Kulturen, hĂ€ufig als Naturreligionen bzw. indigene Religionen oder Animismus bezeichnet, wurden aufgrund ihrer âPrimitivitĂ€tâ lange fĂŒr die Ă€ltesten Formen von Religion gehalten. Auch sie unterliegen aber historischem Wandel und werden daher als BezugsgröĂen religionswissenschaftlicher Theoriebildung und nicht mehr im Sinne unverĂ€nderter Traditionen verstanden.[27]
In neuerer Zeit tritt die Religionsgeschichte als Universalgeschichte gegenĂŒber dem Studium der Geschichte einzelner Religionen oder KulturrĂ€ume zurĂŒck. Jedoch finden religionsgeschichtliche Theoriekonzepte wie SĂ€kularisierung und Pluralisierung wieder verstĂ€rkt Beachtung.
Bearbeiten Religionssoziologische AnsÀtze
Religionssoziologische GedankengÀnge finden sich bereits in der griechischen Antike, zumal bei Xenophanes (Wenn die Pferde Götter hÀtten, sÀhen sie wie Pferde aus.).
Nach Ferdinand Tönnies (1887), einem der MitbegrĂŒnder der Soziologie, ist die Religion in der âGemeinschaftâ das Ăquivalent zur âöffentlichen Meinungâ in der âGesellschaftâ. Diese Abgrenzung versteht Tönnies als normaltypisch. Religion und öffentliche Meinung sind die jeweilige mentale Ausbildung von Gemeinschaft bzw. Gesellschaft (neben der politischen und der wirtschaftlichen). Da Tönnies zufolge sich die Menschen in der Gemeinschaft als âMittel zum Zweck ĂŒbergeordneter Kollektiveâ verstehen, sind sie zu groĂen Opfern zugunsten einer angenommenen höheren Instanz fĂ€hig â anders als âgesellschaftlichâ verbundene Menschen, die alle Kollektive als Mittel fĂŒr ihre je individuellen Zwecke ansehen, und die jeweilige Gesellschaft utilitaristisch unterstĂŒtzen oder bekĂ€mpfen. Religion und öffentliche Meinung haben, so Tönnies, starke Gemeinsamkeiten, etwa heftige Unduldsamkeit gegen Abweichler.[28]
Laut Ămile Durkheim (1912), einem anderen MitbegrĂŒnder der Soziologie, trĂ€gt Religion zur Festigung sozialer Strukturen, aber auch zur Stabilisierung des Einzelnen bei. Sein Religionsbegriff ist somit ein funktionalistischer. GemÀà Durkheim ist die Religion ein solidarisches System, das sich auf Ăberzeugungen und Praktiken bezieht, die heilige Dinge umfassen und in einer moralischen Gemeinschaft wie beispielsweise der Kirche, alle Mitglieder miteinander verbindet. Daraus ergeben sich drei Aspekte von Religion, die GlaubensĂŒberzeugungen (Mythen), die Praktiken (Riten) und die Gemeinschaft, auf die beide bezogen sind. Durkheim bezeichnet unter anderen Faktoren den Glauben als ein Element der Macht, die die Gesellschaft ĂŒber ihre Mitglieder ausĂŒbt. Zu den bemerkenswerten Aspekten seines Religionsbegriffs gehört die Unterscheidung zwischen dem Sakralen und dem Profanen, die es erlaubt, Religion ohne den Bezug auf Gott, Götter oder ĂŒbernatĂŒrliche Wesenheiten (Gottheiten) zu definieren. Sie wird auch auĂerhalb der Soziologie verwendet [29] und liegt ebenfalls dem Begriff âsĂ€kulare Religionâ (bei Max Weber: âDiesseitigkeitsreligionâ) zugrunde, mit dem Weltanschauungen bezeichnet werden, die diesseitige PhĂ€nomene wie z. B. den Staat, eine Partei oder einen politischen FĂŒhrer zum Gegenstand einer religionsĂ€hnlichen Verehrung machen.[30]
Max Weber, der sich am Anfang des 20. Jahrhunderts ausfĂŒhrlich mit dem PhĂ€nomen âReligionâ aus soziologischer Sicht befasste, unterscheidet zwischen Religion und Magie. Unter âReligionâ versteht er ein dauerhaftes, ethisch fundiertes System mit hauptamtlichen FunktionĂ€ren, die eine geregelte Lehre vertreten, einer organisierten Gemeinschaft vorstehen und gesellschaftlichen Einfluss anstreben. âMagieâ dagegen ist nach Weber lediglich kurzfristig wirksam, gebunden an einzelne Magier oder Zauberer, die als charismatische Persönlichkeiten vermeintlich Naturgewalten bezwingen und eigene moralische Vorstellungen entwickeln. Diese Abgrenzung versteht Weber als idealtypisch. Reinformen sind selten, Ăberschneidungen und ĂbergĂ€nge werden konstatiert.[31] Weber erarbeitete umfangreiche theoretische Abhandlungen ĂŒber die verschiedenen Religionen, insbesondere ĂŒber die protestantische Ethik und fĂŒhrte empirische Studien zu der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung in protestantischen und katholischen LĂ€ndern durch.[32]
Niklas Luhmann unterscheidet in seiner Systemtheorie zwischen âSystemâ und âUmweltâ. Die Umwelt bietet demnach Möglichkeiten, die vom System durch Ausgrenzung und Auswahl genutzt werden können. Durch diesen Selektionsprozess wird die Umwelt in ihrer KomplexitĂ€t eingeschrĂ€nkt. Da jedoch sowohl das System als auch die Umwelt nach wie vor von hoher KomplexitĂ€t geprĂ€gt sind, sind Vereinfachungen notwendig, die der Orientierung dienen. Religion kommt solch eine orientierende Funktion zu. Sie begrenzt ein ĂbermaĂ an Möglichkeiten und verhindert die beliebige VerĂ€nderung der Auswahl.[33]
In den 1980er Jahren entstand die Theorie der rationalen Entscheidung der Religionen. Als Hauptvertreter gelten Rodney Stark,[34] Laurence R. Iannaccone[35] und Roger Finke[36] Diese Theorie besagt, dass Akteure ihre Handlungen nutzenorientiert wĂ€hlen.[37] Annahmen dieser Theorie sind: Der Akteur handelt rational durch AbwĂ€gen von Kosten und Nutzen; es gibt stabile PrĂ€ferenzen, die sich weder von Akteur zu Akteur noch zeitlich stark unterscheiden; soziale Ereignisse sind Ergebnisse von sozialen Interaktionen zwischen den Akteuren.[38] Nicht nur der Akteur in Form des GlĂ€ubigen handelt nach dieser Theorie nutzenmaximierend, sondern auch religiöse Organisationen. Sie spezialisieren ihr Angebot von religiösen GĂŒtern, so dass sie möglichst viele GlĂ€ubige anziehen. Diese Theorie wird von vielen Seiten kritisiert, da beispielsweise zentrale Begriffe der Theorie nicht genau definiert sind (âKostenâ, âNutzenâ), und es ist strittig, ob kostentheoretisch ausgefeilte Begriffe aus der Betriebswirtschaftslehre auf religiöses Handeln ĂŒbertragen werden können.[39]
Bearbeiten Religionswissenschaftliche AnsÀtze
Die Religionswissenschaft, die eine Vielzahl von Disziplinen wie Religionssoziologie, Religionsphilosophie, Religionsphilologie, Religionsgeschichte u. a. umfasst, untersucht auf empirischer und theoretischer Grundlage Religionen als gesellschaftliche PhĂ€nomene. Religionswissenschaftliche Theorien mĂŒssen unabhĂ€ngig von Glaubensannahmen nachvollziehbar und falsifizierbar sein. Seit etwa 100 Jahren als eigenstĂ€ndige Disziplin etabliert, geht sie auf VorlĂ€ufer sowohl innerhalb Europas wie auch darĂŒber hinaus (religionsvergleichende Studien in China und der islamischen Welt) zurĂŒck. In Abgrenzung zur Theologie gehört zur Religionswissenschaft einerseits die Möglichkeit des Dialoges, aber auch die Option der Religionskritik.
Nach Clifford Geertz (1973) ist Religion ein kulturell-geschaffenes Symbolsystem, das versucht, dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu schaffen, indem es eine allgemeine Seinsordnung formuliert. Diese geschaffenen Vorstellungen werden mit einer solch ĂŒberzeugenden Wirkung (âAura von FaktizitĂ€tâ) umgeben, dass diese Stimmungen und Motivationen real erscheinen. Solche âheiligenâ Symbolsysteme haben die Funktion, das Ethos â das heiĂt das moralische Selbstbewusstsein einer Kultur â mit dem Bild, das diese Kultur von der RealitĂ€t hat, mit ihren Ordnungsvorstellungen zu verbinden. Die Vorstellung von der Welt wird zum Abbild der tatsĂ€chlichen Gegebenheiten einer Lebensform. Die religiösen Symbolsysteme bewirken eine Ăbereinstimmung zwischen einem bestimmten Lebensstil und einer bestimmten Metaphysik, die einander stĂŒtzen. Religion stimmt demnach menschliche Handlungen auf eine vorgestellte kosmische Ordnung ab. Die ethischen und Ă€sthetischen PrĂ€ferenzen der Kultur werden dadurch objektiviert und erscheinen als Notwendigkeit, die von einer bestimmten Struktur der Welt erzeugt wird. Die Glaubensvorstellungen der Religionen bleiben demgemÀà nicht auf ihre metaphysischen ZusammenhĂ€nge beschrĂ€nkt, sondern erzeugen Systeme allgemeiner Ideen, mit denen intellektuelle, emotionale oder moralische Erfahrungen sinnvoll ausgedrĂŒckt werden können. Da somit eine Ăbertragbarkeit von Symbolsystem und Kulturprozess vorliegt, bieten Religionen nicht nur WelterklĂ€rungsmodelle, sondern gestalten auch soziale und psychologische Prozesse. Durch die unterschiedlichen Religionen wird eine Vielfalt unterschiedlicher Stimmungen und Motivationen erzeugt, sodass es nicht möglich ist, die Bedeutsamkeit von Religion in ethischer oder funktionaler Hinsicht festzulegen.[40]
Jacques Waardenburg bezeichnet die Definition von Religion als âGlaubenâ als ein Produkt westlicher Tradition. Dieser Begriff treffe daher nicht auf die Vorstellungen anderer Kulturen zu und sei fĂŒr die Beschreibung von Religionen eher ungeeignet. Religionen können nach seiner Auffassung als BedeutungsgefĂŒge mit darunterliegenden Grundintentionen fĂŒr Menschen angesehen werden. [41]
Ein in der Religionswissenschaft gĂ€ngiger Umgang mit dem Religionsbegriff ist, Religion als âOffenes Konzeptâ zu betrachten, also auf eine Definition des Religionsbegriffes gĂ€nzlich zu verzichten. Diese Auffassung wurde besonders von dem Bremer Religionswissenschaftler Hans Kippenberg vertreten. [42]
Andere Religionswissenschaftler entwickelten das Modell der verschiedenen âDimensionenâ von ReligiositĂ€t. Hier sind vor allem Rodney Stark und Charles Glock zu nennen. Sie unterscheiden die ideologische, die ritualisierte, die intellektuelle Dimension sowie die Dimension der Erfahrung und die handlungspraktische Dimension.[43] Einen Ă€hnlichen Ansatz vertrat der irisch-britische Religionswissenschaftler Ninian Smart: auch er entwarf ein multidimensionales Modell von Religion und unterscheidet dabei sieben Dimensionen: 1. die praktische und rituelle, 2. die erfahrungsmĂ€Ăige und emotionale, 3. die narrative oder mythische, 4. die doktrinale und philosophische, 5. die ethische und rechtliche, 6. die soziale und institutionale und 7. die materielle Dimension (z. B. sakrale Bauwerke).
In jĂŒngster Zeit entwickelt sich ein Dialog zwischen einigen Hirnforschern und Religionswissenschaftlern sowie Theologen, der mitunter als Neurotheologie bezeichnet wird und sich zunehmend auch mit der Suche von Biologen nach einer schlĂŒssigen Theorie zur Evolution der Religion verschrĂ€nkt.
Bearbeiten Naturwissenschaftliche AnsÀtze
Verschiedene Hirnforscher suchen seit 1970 nach neurologischen ErklĂ€rungen fĂŒr verschiedene Typen religiöser Erfahrungen. Entsprechende Studien wurden etwa publiziert von David M. Wulff, Eugene dâAquili, C. Daniel Batson, Patricia Schoenrade, W. Larry Ventis, Michael A. Persinger, K. Dewhurst, A. W. Beard, James J. Austin und Andrew Newberg.
Evolutionsforscher wie der Biologe Richard Dawkins und die Psychologin Susan Blackmore stellten die Theorie der Meme auf, und versuchten damit das PhĂ€nomen Religion zu erfassen. Dawkins bezeichnet 1991 eine Religion als Gruppe von Ideen und Denkmustern, die sich gegenseitig bestĂ€rken und gemeinsam auf ihre Verbreitung hinwirken (Memplex). Grundlage dieser Einordnung bildet die Beobachtung, dass durch Religionen Handlungen und Ăberzeugungen erfolgreich verbreitet werden können, die auĂerhalb ihres religiösen Kontexts sinnlos scheinen oder im Gegensatz zur objektiven RealitĂ€t stehen. Voraussetzung zur Verbreitung von religiösen Gedanken sind laut Dawkins die Bereitschaft zur wörtlichen Weitergabe von GlaubenssĂ€tzen und zur Befolgung der in ihnen kodierten Anweisungen. Er vergleicht diese VorgĂ€nge mit den Mechanismen, durch die Viren einen befallenen Organismus zur Weiterverbreitung ihres eigenen Erbguts anregen. In Analogie zu Computerviren spricht er auch von âViren des Geistesâ.
Auch die Forschungen zur Willensfreiheit bzw. die Annahme einer absoluten Determination des menschlichen Geistes haben Einfluss auf die ErklÀrungsversuche hinsichtlich religiöser Vorstellungen und Praktiken.
Speziell die Religionspsychologie bearbeitet die Frage, ob allgemein eine Korrelation zwischen Religion und Gesundheit bzw. Lebensdauer eines Individuums besteht. Forschungen in den USA belegen mehrheitlich diese These, wĂ€hrend europĂ€ische Studien eine solche VerknĂŒpfung hĂ€ufig nicht finden.
Bearbeiten PhÀnomene und religionspezifische Begrifflichkeit
Verschiedene Kriterien und Begriffe zur Beschreibung religiöser PhĂ€nomene liegen vor. Viele von ihnen sind allerdings selbst Produkte religiöser Sichtweisen und damit fĂŒr das Beschreiben religiöser PhĂ€nomene auf wissenschaftlicher Grundlage von umstrittenem Wert. So beschreibt beispielsweise âSynkretismusâ die Vermischung religiöser Ideen, bezeichnet jedoch ursprĂŒnglich auch das Ăbersehen logischer WidersprĂŒche und ist als Kampfbegriff verwendet worden. Dennoch gelten sie (vor allem in der ReligionsphĂ€nomenologie) als zu vergleichenden Zwecken wertvoll.
Bearbeiten NatĂŒrliche Religion
Auf Platon und Aristoteles gehen Vorstellungen der AufklĂ€rung ĂŒber NatĂŒrliche Religion (bzw. NatĂŒrliche Theologie) zurĂŒck, die als Ursprung der geschichtlichen, mit Fehlern behafteten, Religionen gesehen wurde. Dagegen vertrat u.a. Friedrich Schleiermacher die These, dass es sich dabei um Abstraktionen vorhandener Religionen handelt. Diese Auffassung hat sich in der modernen Religionswissenschaft durchgesetzt.
Bearbeiten Theismus und Atheismus
Religionen, deren AnhÀnger mehrheitlich an die eigene Verpflichtung, nur einem einzigen höchsten Gott ihre Verehrung zu erweisen, glauben, werden als monotheistisch bezeichnet. Damit ist nicht zwingend eine Annahme der Nichtexistenz anderer Götter verbunden, sondern eventuell auch ein Werturteil, eine Unterscheidung zwischen dem einen wahren Gott und den verschiedenen falschen Göttern (siehe auch: Schirk im Islam).
Religionen, deren AnhĂ€nger die Existenz mehrerer Götter annehmen und ihnen eine Bedeutung fĂŒr bzw. einen Einfluss auf ihr Leben zugestehen, werden polytheistisch genannt. [44]
Vorstellungen, denenzufolge das Göttliche bzw. Gott mit der Gesamtheit der Welt (dem Universum) identisch (und in der Regel nicht persönlich) ist, werden als pantheistisch bezeichnet.
Religionen, deren tradierte Vorstellungen und Riten im Kern nicht auf ein oder mehrere Götter ausgerichtet sind, können in gewissem Sinn als atheistisch gelten, obgleich im alltĂ€glichen Diskurs der Begriff Atheismus im Allgemeinen meist den neuzeitlichen, sĂ€kularen Atheismus europĂ€ischer Herkunft im Speziellen meint. Es gibt Standpunkte, nach denen atheistische Religionen existieren. Als Beispiele werden der Jainismus und der Buddhismus angefĂŒhrt.[45] Es stellt sich hierbei die Frage, ob ein Begriff, der sich auf die Verneinung eines Schöpfergottes bezieht, auf Weltanschauungssysteme angewandt werden kann, in denen die Frage nach einem Schöpfergott keine Rolle spielt oder als nicht zielfĂŒhrende metaphysische Spekulation betrachtet wird.
Bearbeiten Kosmologie
HÀufig vermitteln Religionen eine Vorstellung, wie die Welt entstanden ist (eine Schöpfungsgeschichte oder Kosmogonie) und ein Bild der letzten Dinge, eine Eschatologie.
Dazu gehören auch Antworten auf die Frage, was mit dem Menschen nach dem Tod geschieht. (Siehe auch: Seele.) Viele Religionen postulieren ein Dasein nach dem Tod und machen Aussagen ĂŒber die Zukunft der Welt. Themen wie Reinkarnation, Nirwana, Ewigkeit, Jenseits, Himmel oder Hölle, und was mit der Welt geschehen wird (Weltuntergang, Apokalypse, Ragnarök, Reich Gottes), sind in vielen Religionen zentral.[46]
Bearbeiten Religiöse Spezialisten
Die meisten Religionen kennen Berufsgruppen, die die Religion ĂŒberliefern, lehren, ihre Rituale ausfĂŒhren und zwischen Mensch und Gottheit vermitteln. Beispiele sind Seher oder Propheten, Priester, Prediger, Geistliche, Mönche, Nonnen, Magier, Druiden, MedizinmĂ€nner oder Schamanen. Manche Religionen sprechen einzelnen dieser Menschen ĂŒbernatĂŒrliche Eigenschaften zu.
Der Status dieser Personen variiert stark. Sie können innerhalb einer formellen Organisation tÀtig oder unabhÀngig sein, bezahlt oder unentgeltlich, können auf verschiedene Weise legitimiert sein und unterschiedlichsten Verhaltenskodizes unterliegen.
In einigen Religionen werden die religiösen Rituale vom Familienoberhaupt durchgefĂŒhrt oder geleitet. Es gibt auch Religionen ohne spezifisch autorisierten Vermittler zwischen dem ĂbernatĂŒrlichen und dem Menschen.[47]
Bearbeiten SpiritualitÀt und Rituale
HĂ€ufig pflegen Religionen und Konfessionen eine eigene Art von SpiritualitĂ€t. SpiritualitĂ€t â ursprĂŒnglich ein christlicher Begriff â bezeichnet das geistliche Erleben, im Gegensatz zur Dogmatik, die die festgesetzte Lehre einer Religion darstellt. Im heutigen westlichen Sprachgebrauch wird SpiritualitĂ€t als seelische Suche nach Gott oder einem anderen transzendenten Bezug bezeichnet, ob im Rahmen von spezifischen Religionen oder jenseits davon. In einigen Religionen finden sich Strömungen, deren AnhĂ€nger die Begegnung mit der Transzendenz oder dem Göttlichen in mystischen Erfahrungen finden.
Zu religiösen Riten gehören unter anderem Gebet, Meditation, Gottesdienst, religiöse Ekstase, Opfer, Liturgie, Prozessionen und Wallfahrten. DarĂŒber hinaus zĂ€hlen dazu beispielsweise auch im Alltag gelebte Frömmigkeit wie das Geben von Almosen, Barmherzigkeit oder Askese.
Auch einige atheistisch-sĂ€kulare Weltanschauungen bedienen sich religiös anmutender Rituale. Beispiele sind die aufwĂ€ndig inszenierten AufmĂ€rsche und Feiern in sozialistischen oder faschistischen Staaten wie auch die zumindest zeitweilig in ihnen praktizierten (An-)FĂŒhrerkulte. Die These, dass scheinbar nichtreligiöse Systeme sich religiöser Formen bedienen, wird wissenschaftlich diskutiert (siehe auch: Politische Religion, Zivilreligion, Staatsreligion).[48]
Bearbeiten Schismen und Synkretismen
Vielfach ist es in der Geschichte der Religionen zu Schismen (Spaltungen) gekommen. Neue Religionen entstehen in der Regel durch die Abtrennung einer Gruppe aus einer Àlteren Religionsgemeinschaft.[49]
Der Begriff Synkretismus beschreibt das Vermischen von Praktiken verschiedener Religionen. Es kann sich hierbei um den Versuch handeln, Àhnliche Religionen (wieder) zu vereinen oder die Schaffung einer neuen Religion aus unterschiedlichen VorgÀngern zu initiieren.[50]
Bearbeiten Religion und ReligiositÀt
Insbesondere im Deutschen wird zwischen Religion und ReligiositÀt unterschieden. WÀhrend Religion das religiöse Denken und die Organisation bezeichnet, bezieht sich ReligiositÀt auf das subjektive Erleben.
In der deutschen Religionsgeschichte betonten vor allem die Romantik und der Pietismus die innere Haltung des GlĂ€ubigen. Der Theologe Friedrich Schleiermacher etwa schrieb in Ăber die Religion (1799): Religion ist nicht Metaphysik und Moral, sondern Anschauen und GefĂŒhl.
Die Betonung des GefĂŒhls ist auch fĂŒr die Religionstheorien von William James und Rudolf Otto kennzeichnend:
In seinem Werk "The varieties of religious experience" (1902) vermeidet William James eine allgemeine Definition des Begriffs Religion. An dessen Stelle setzt er eine Beschreibung religiöser Erfahrung. Nach James ist religiöse Wahrheit nicht etwas Ăbergeordnetes, dem Menschen Entzogenes. Religiöse Wahrheit zeige sich vielmehr im Erleben des religiösen Menschen. Religiöse Wahrheit werde durch das GefĂŒhl erfahren. Das religiöse GefĂŒhl sei durch den Bezug des religiösen Menschen zu einem religiösen Objekt gekennzeichnet. Durch die Beschaffenheit der GefĂŒhle des religiösen Menschen zu seinem religiösen Objekt lieĂen sich verschiedene Formen von ReligiositĂ€t beschreiben. FĂŒr James ist sein methodisches Vorgehen sĂ€kular, da es sich allein auf die Beschreibungen der GefĂŒhle des religiösen Menschen stĂŒtze. James geht ferner von einer Staffelung religiöser GefĂŒhle aus, die von der Gewissheit der transzendentalen Bedeutung von Wörtern und Wahrnehmungen bis hin zum mystischen GefĂŒhl der Verbundenheit mit dem Kosmos reicht. Tiefes religiöses Erleben ĂŒbersteige einfache Moralvorstellungen.
James Werk hat auf die werdende Religionswissenschaft des frĂŒhen 20. Jahrhunderts einen hohen Einfluss gehabt. WĂ€hrend ein Religionswissenschaftler wie Ernst Troeltsch versuchte, James' Beschreibungen fĂŒr seine Theorie nutzbar zu machen, wurde James von Religionspsychologen wie Wilhelm Wundt und Karl Girgensohn heftig kritisiert.
Rudolf Otto geht in seinem Hauptwerk "Das Heilige" (1917) davon aus, dass es eine besondere Anlage (sensus numinis) fĂŒr das religiöse GefĂŒhl gebe. Habe ein Mensch diese Anlage nur schwach ausgeprĂ€gt oder gar nicht, sei dieser als Religionskundler kaum geeignet. Das religiöse GefĂŒhl sei von anderen Empfindungen zu unterscheiden, gleichwohl sei es möglich, Parallelen zum Erleben anderer GefĂŒhle zu ziehen (z.B. Ă€sthetische GefĂŒhle). Otto nennt vier Momente, die fĂŒr das Erleben des religiösen GefĂŒhls typisch seien: Das Tremendum = Das Schauervolle, Das Majestas = Das ĂbermĂ€chtige, Das Energische = Die Kraft, Der Wille, Das Mysterium = Das `Ganz AndereÂŽ. Diese Momente zögen sich durch die ganze Religionsgeschichte. Rudolf Otto geht ferner davon aus, dass das religiöse Erleben, das zunĂ€chst affekthaft (irrational) erfahren werde, zwar nie begriffen, wohl aber durch kognitive Prozesse (Rationalisierung) versittlicht werde.
Auch Rudolf Ottos Idee vom Heiligen hat eine lebendige Diskussion ausgelöst. WĂ€hrend ein Religionswissenschaftler wie Gustav Mensching sich in seiner Toleranzidee der Religionen von Otto anregen lieĂ, wurde seine Theorie vom Wundt-SchĂŒler Willy Hellpach als parapsychologisch verworfen. Spielt Rudolf Otto in der Religionswissenschaft heute praktisch keine Rolle mehr, ist die Vorstellung vom Numinosen u.a. bedingt durch die tiefenpsychologischen Konzepte von Erik H. Erikson und C. G. Jung bis heute in alternativen Richtungen der Psychologie (z.B. transpersonale Psychologie) lebendig.
Seit der AufklĂ€rung wird â vor allem im westlichen Kulturkreis â zwischen institutionalisierter Religion und persönlicher Haltung zum Transzendenten unterschieden. Hierdurch wird die individuelle Ausformung der ReligiositĂ€t des Einzelnen begĂŒnstigt.[51] Daneben gibt es zunehmend Formen von Religion, die sich nur wenig auf den Lebensstil der AnhĂ€nger auswirken, weil diese nur zu bestimmten Gelegenheiten religiöse âDienstleistungenâ in Anspruch nehmen. Hierzu gehören auch AnsĂ€tze, nach denen Gruppen oder Individuen Ideen, Rituale usw. aus Religionen und anderen Weltanschauungen, u. a. esoterischen neu zusammenstellen und auf ihre BedĂŒrfnisse zuschneiden. Dieses eklektizistische Vorgehen wird von Vertretern traditioneller Religionen zuweilen âPatchwork-Religionâ oder âSupermarkt der Weltanschauungenâ genannt.[52]
Bearbeiten Religion und Ethik
Zahlreiche alte Religionen hatten den Anspruch, menschliches Zusammenleben durch Gesetze zu regeln. Die meisten Religionen der Gegenwart haben ein ethisches Wertesystem, dessen Einhaltung sie fordern.
Dieses System von Wertvorstellungen umfasst Ansichten darĂŒber, was richtig und falsch und was gut und böse ist, wie ein Angehöriger der jeweiligen Religion zu handeln und teilweise wie er zu denken hat. Dem liegt zumeist eine bestimmte Auffassung ĂŒber die Welt, die Natur und die Stellung des Menschen zugrunde. Obgleich sich diese Anschauungen historisch wandeln, stehen hinter solchen religiösen Pflichten in fast allen Religionen Ă€hnliche ethische Prinzipien. Diese sollen das konfliktarme Miteinander der Mitglieder der Religionsgemeinschaft regeln, die Gesellschaft und zum Teil die Politik im Sinne der Religion beeinflussen und die Menschen individuell dem jeweiligen religiösen Ziel nĂ€her bringen. Zudem bieten sie fĂŒr den Einzelnen einen moralischen Rahmen, der ihn psychisch und physisch stabilisieren kann, zu individueller und kollektiver Hilfsbereitschaft anhalten oder sogar zu gesellschaftlichen Verbesserungen beitragen kann.
Alle Weltreligionen und die meisten kleineren Religionen fordern Barmherzigkeit von ihren Mitgliedern. So ist im Islam z. B. vorgeschrieben, dass jeder einen festen Anteil seines Einkommens fĂŒr soziale Zwecke spenden soll (Zakat). Im christlich geprĂ€gten Mittelalter hat die Römisch-Katholische Kirche UniversitĂ€ten und Schulen gegrĂŒndet, HospitĂ€ler und WaisenhĂ€user unterhalten und fĂŒr die Armenspeisung gesorgt. Ein Aspekt von Religion kann der Frieden stiftende sein, der in den meisten Religionen durch besondere Vorschriften ĂŒber MitgefĂŒhl, Vergebung oder sogar Feindesliebe Ausdruck findet.[53]
In einigen Religionen sollen diese moralischen Gesetze der jeweiligen Ăberlieferung nach direkt dem Religionsstifter von der entsprechenden Gottheit ĂŒberbracht worden sein und somit höchste AutoritĂ€t besitzen. (Offenbarungsreligionen). Nach dieser Vorstellung sollen sich auch weltliche Herrscher den jeweiligen ethischen Anforderungen beugen. Gehorsam wird jeweils unter Androhung von diesseitigen oder jenseitigen Strafen gefordert oder als einziger Weg zum Heil dargestellt.[53]
HĂ€ufig existieren noch weitere Regeln, die nicht direkt vom Stifter der Religion stammen, sondern aus den heiligen Schriften und anderen Tradierungen der jeweiligen Religion abgeleitet werden (z. B. Talmud, Sunna). Einige dieser Normen verloren im Laufe der historischen Entwicklung fĂŒr viele GlĂ€ubige ihren Sinn und wurden in einigen FĂ€llen den sehr unterschiedlichen Wertesystemen der entsprechenden Zeit angepasst. (Vgl. Reformjudentum.)[53]
Wie in allen Weltanschauungen gibt es auch in den Religionen einen Widerspruch zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung. WĂ€hrend Machtmissbrauch und andere MissstĂ€nde im Mittelalter und der frĂŒhen Neuzeit hĂ€ufig zu Schismen und religiösen Erneuerungsbewegungen fĂŒhrten, haben sie gegenwĂ€rtig vielfach eine Abkehr von der Religion insgesamt zur Folge. Parallel zu Reformbestrebungen kommt es aber auch zu fundamentalistischen religiösen Interpretationen und Praktiken, die bis hin zu terroristischen AktivitĂ€ten mit pseudoreligiöser BegrĂŒndung reichen.[53]
Die stĂ€rkste Form des Versagens ethischer religiöser Normen stellen Religionskriege und andere Gewalttaten dar, die mit religiösen Auffassungen begrĂŒndet werden. Dies werten GlĂ€ubige zumeist als Missbrauch ihrer Religion, wĂ€hrend Religionskritiker von einer allen Religionen immanenten Tendenz zu Fanatismus und Grausamkeit ausgehen. Ăberdies ist umstritten, ob diese Geschehnisse notwendige Folge von Religionen sind.
Die Römisch-Katholische Kirche war fĂŒr die Inquisition verantwortlich. Verbrechen im Namen der christlichen Religion waren die KreuzzĂŒge, die Hexenverfolgung, die Judenverfolgung, gewalttĂ€tige Formen der Missionierung oder religiös verbrĂ€mte, eigentlich politische GrĂ€ueltaten, wie die Tötung zahlreicher so genannter Indios, Angehöriger indigener Völker SĂŒdamerikas wĂ€hrend der Eroberung und in der Neuzeit teilweise die UnterstĂŒtzung von Diktaturen und die ambivalente Rolle der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus. Allerdings fanden sich bei all diesen Ereignissen auch immer wieder Kritiker aus den eigenen Reihen. Der Kirchen- und Religionskritiker Karlheinz Deschner hat in seinem auf zehn BĂ€nde angelegten Werk Kriminalgeschichte des Christentums eine FĂŒlle historischen Materials zu diesem Thema ausgewertet und kommentiert.
Auch in jĂŒngerer Zeit sind Gewalttaten partiell mit Religion verbunden: So werden seit der BegrĂŒndung eines Gottesstaates, der Islamischen Republik Iran, Tausende von Menschen wegen so genannter âVerbrechen gegen die Religionâ im Rahmen eines Rechtssystems, das auf einer speziellen Interpretation der Scharia beruht, inhaftiert, gefoltert und hĂ€ufig sogar (medienwirksam öffentlich) hingerichtet. Frauen werden schon wegen einer Nichteinhaltung von Bekleidungsvorschriften bestraft, wegen âmoralischer Vergehenâ in seltenen FĂ€llen gesteinigt. Auch die Religionsgemeinschaft der Bahaâi (und z. B. Homosexuelle) werden strafrechtlich und von den âReligionswĂ€chternâ verfolgt. In Indien gibt es zunehmend Ausschreitungen von radikalen Hindus, vor allem gegenĂŒber Muslimen.
Bearbeiten Ethik der abrahamitischen Religionen
Die praktizierte Ethik im Judentum, Christentum und im Islam unterscheidet sich unter anderem dadurch, ob die jeweilige Religion mit einem weiten individuellem Denk- und Handlungsspielraum, traditionell oder fundamentalistisch ausgelegt wird. Auch innerhalb der einzelnen Religionen gibt es unterschiedliche Schulen, welche die jeweilige Morallehre verschieden interpretieren und anwenden. So gibt es z. B. im Christentum Strömungen, die das Alte Testament aufgrund der darin sehr gewalttÀtig wirkenden Gottheit gering schÀtzen.
Die drei bedeutendsten Offenbarungsreligionen verbindet in ihren ethischen Systemen der Gedanke an eine Endzeit, allerdings ist das Judentum weniger jenseitsbezogen als die beiden anderen Religionen. Dieses lineare VerstĂ€ndnis von Zeit bedeutet, dass die GlĂ€ubigen im Diesseits nach den von ihrer Gottheit geforderten Regeln leben, um den Lohn dafĂŒr in einer spĂ€teren Zeit zu erhalten, wobei Gott auch im Diesseits schon wirken kann. Allerdings wird im Protestantismus zumeist die göttliche Gnade fĂŒr ausschlaggebend gehalten, auch unabhĂ€ngig von der Befolgung moralischer Postulate. Judentum und Islam haben mehr Rechtscharakter und ein umfassenderes System von rituellen Ge- und Verboten als das Christentum, was sich z. B. im hebrĂ€ischen Wort fĂŒr Religion, Tora (Gesetz), widerspiegelt. Ăhnlich wie im Hinduismus gibt es genaue Anweisungen, wie die Handlungsweisen in der Gruppe sein sollen. In den christlichen Religionen sind heute, anders als im Römisch-Katholischen Mittelalter, u. a. durch Interpretationen biblischer Ăberlieferungen von Aussagen ihres Stifters, neuplatonische EinflĂŒsse und Auswirkungen der AufklĂ€rung in vielen Strömungen weniger rituelle Ge- und Verbote vorgegeben.
Bearbeiten JĂŒdische Ethik
â Hauptartikel: JĂŒdische Ethik
Grundlegend fĂŒr die jĂŒdische Ethik sind die Thora, der Hauptteil der hebrĂ€ischen Bibel, der Talmud â besonders die in ihm enthaltenen Pirkej Avot sowie die Halacha, ein seit 1500 Jahren stetig weiterentwickeltes Korpus von rabbinischen Aussagen. Auch heute noch wird die jĂŒdische Ethik durch ĂuĂerungen von Rabbinern der verschiedenen Richtungen des Judentums weiterentwickelt.
Zentral fĂŒr die jĂŒdische Ethik ist eine Stelle ĂŒber die NĂ€chstenliebe aus Levitikus (3. Buch Mose) 19, 18, die in deutscher Ăbersetzung etwa lautet: âLiebe deinen NĂ€chsten, denn er ist wie duâ. Weite Teile des Talmud und auch vieles in der Tora sind ErlĂ€uterungen zur konkreten Umsetzung dieser NĂ€chstenliebe.
Die jĂŒdische Ethik ist ein zentraler Teil der jĂŒdischen Philosophie. Insgesamt lĂ€sst sich keine allgemeine âjĂŒdische Auffassungâ zu zeitgebundenen ethischen Fragen erkennen.
Bearbeiten Christliche Ethik
â Hauptartikel: Christliche Ethik
Die christlichen Hauptrichtungen (Orthodoxe, Römisch-katholische und Protestantische Kirche) â wie auch andere christliche Gemeinschaften â fordern, dass der christliche Glaube mit einer moralischen LebensfĂŒhrung verbunden wird. In der Theologie wird zwischen theoretischer Ethik und ihrer Umsetzung unterschieden. Es gibt gewisse Ăberschneidungen mit der biblischen Ethik, jedoch ist das Feld der christlichen Ethik weiter gefasst.[54]
In der christlichen Ethik existieren vorrangig zwei theoretische Positionen: der christlich teleologische Ansatz und der deontologische, d. h. die Pflichtenlehre, wobei hĂ€ufig beide mit unterschiedlicher Gewichtung miteinander verbunden werden. Die Teleologie erörtert die Frage nach dem Sinn und Zweck, z. B. nach dem âGutenâ, âWahrenâ oder nach dem âEndeâ, das Christen erstreben sollen (in einigen christlichen Konzepten ist dies die âVereinigung mit Gottâ), wĂ€hrend die christliche Deontologie Moral als Pflicht begreift, Gesetze oder andere religiöse Verordnungen zu erfĂŒllen, vor allem die aus dem alttestamentlich-jĂŒdischen Glauben ĂŒbernommenen Zehn Gebote.
Bearbeiten Islamische Ethik
â Hauptartikel: Islamische Ethik
Die Ethik im Islam ist Ă€hnlich wie im Judentum sehr stark an Gebote fĂŒr fast alle Lebensbereiche gebunden. Der Koran gibt genaue Anweisungen fĂŒr die Handlungen des Einzelnen in der Gruppe. Wichtig fĂŒr den Islam ist eine kollektive Verantwortung fĂŒr Gut und Böse. Dies wird beispielsweise in der Anweisung al-amr bil maâruf wa n-nahi an al-munkar (das Gute befehlen und das Schlechte verbieten) deutlich.[55] In Folge besteht die Möglichkeit einer unumschrĂ€nkten Befehlsgewalt der Gemeinschaft (siehe auch Hisbah). Der Islam geht in seinen Hauptrichtungen Sunna und Schia von der PrĂ€destination (Vorherbestimmung) aus, die dem Individuum nur begrenzten Handlungsspielraum zugesteht. In fundamentalistisch ausgerichteten Staaten hat die Scharia als islamisches Recht eine wesentliche Bedeutung.[56]
Bearbeiten Ethik (fern)östlicher Religionen
In den Religionen indischen Ursprungs wie dem Buddhismus, Hinduismus und Jainismus besteht eine direkte Verbindung zwischen dem ethischen bzw. unethischen Verhalten einer Person und dessen RĂŒckwirkungen im gegenwĂ€rtigen Leben und in kĂŒnftigen Leben (Reinkarnation) bzw. in einer kĂŒnftigen jenseitigen Existenz. Dieser Zusammenhang ergibt sich nicht indirekt durch das Eingreifen einer richtenden, belohnenden und strafenden göttlichen Instanz, sondern wird als naturgesetzlich aufgefasst. Eine Tat gilt als unweigerlich mit ihrer positiven oder negativen Auswirkung auf den Handelnden verknĂŒpft (Karma-Konzept). Daher werden die ethischen Regeln an einer angenommenen universalen GesetzmĂ€Ăigkeit bzw. einem Weltprinzip ausgerichtet, das im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus Dharma genannt wird. Aus diesem Prinzip werden detaillierte ethische Anweisungen abgeleitet.[57]
Von den AnhĂ€ngern der Religionsgemeinschaften wird erwartet, die GesetzmĂ€Ăigkeiten des Daseins zu erkennen und entsprechend zu handeln. In manchen FĂ€llen sanktioniert die Gemeinschaft VerstöĂe gegen die Regeln, doch weit wichtiger sind fĂŒr das Individuum die angenommenen negativen Konsequenzen von Ăbeltaten in einer kĂŒnftigen diesseitigen oder jenseitigen Existenzform.
